„Güte und Wohltun werden zur Sünde. Herrschaft und Unterdrückung zur Tugend.“ Einfacher und eindringlicher kann man die „Dialektik der Aufklärung“ nicht auf den Punkt bringen. Diese Zeile habe ich in Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Buch desselben Titels gefunden. Die Autoren veröffentlichten den philosophischen Meilenstein 1944 angesichts des Zweiten planetenumspannenden Untergangs der alten Ordnung, der doch wieder die alte Ordnung etabliert. Sprich: Die Siegermächte diktieren seitdem den Diskurs.

Freiheit, Freiwilligkeit, Ressourcenverfügung und Selbststeuerung entscheiden darüber, ob ich mit Ihnen arbeite.

Den Dualismus hinterfragen

Ich muss immer wieder genau darüber nachdenken. Diese stets anwesende Struktur von den Schattenseiten einer der größten Errungenschaften aufgeklärten Denkens macht mir zu schaffen, denn sie bestätigt die Unhintergehbarkeit des binären, des dualistischen Denkens. Denn wenn jede Form der Errungenschaft die Möglichkeit in sich birgt, ins Gegenteil umzukippen, was heißt es dann noch, Gutes zu tun, oder danach zu streben, Frieden zu stiften oder daran zu arbeiten, meinen Mitarbeitern ein lebenswertes Umfeld zu erschaffen?

Der edle Ausweg

Wenn die Sieger das System aufgesetzt haben, agieren wir zwangsläufig innerhalb der Logik der Sieger. Und jetzt treffe ich in meiner Verunsicherung den Kollegen G. Er behauptet, dass sein innerer Kern, also das was ihn selbst präge und motiviere, seine Seminare so und nicht anders abzuhalten, sei eine echte Alternative zum abendländischen binären Denken. Denn, seien wir ehrlich, sagt er, das Modell der beiden Mega-Denker der frühen Bundesrepublik würde doch nicht über das Paradigma von Gut und Böse hinauskommen. Er jedenfalls gehe den „edlen achtfachen Pfad„, wie ihn der Buddhismus offenbart hat.

Achtsame Spiele

Den Pfad habe ich mir daraufhin einmal genauer angeschaut. Was bleibt? Die Frage danach, was ich als Coach damit coachen kann. Dieser Weg zur Weisheit ist jedoch nur einer, der mir eine Struktur des Werdens, nicht aber die Weisheit selbst offenbart. Diese muss ich selbst erwerben – wie in der Aufklärung eines Immanuel Kant. Ich kann zwar lernen, wie ich rede und handle, aber ich lerne nicht, worüber ich rede, geschweige denn wie ich handle oder handeln soll. Jeder kann sich die Struktur überstreifen wie einen neuen Anzug. Wer drin steckt? Egal. Damit können selbst in Abu Ghuraib unmenschliche Verhaltensweisen zu achtsamen „Spielen“ verkommen. Oder ist genau das die Weisheit?