Sascha Büttner / Matthias Kampmann: Ein Gespräch über Werte

Heute ging mir beim Mittagslauf durch den Kopf, dass unsere Gesellschaft gegenwärtig nicht nur enorm polarisiert wird oder sich selbst entzweit, sondern dass überdies die Gepflogenheiten des Kom- munizierens neue oder sollte man besser archaische Dimensionen erreicht. Der Ton wird rauer, exzessiver, empörter, schnappatmiger. Und ich frage mich, wie weit es noch bis zur Tat ist. Was mich schon vor geraumer Zeit schockierte, war dieser hoch getragene Galgen mit einem Konterfei der Bundeskanzlerin daran. Das sind Spitzen, aber sollten wir uns daran gewöhnen? Das wiederum führte mich zur Frage, welchen Bestand eigentlich humanistische Werte noch haben können, wenn diese Formen zur allgemeinen Umgangsform werden. Wie sieht das eigentlich in Deinem Arbeitsumfeld aus? Und mit Blick auf Deine Arbeit: Gibt es so etwas wie ein Wertemodul in Deinem Portfolio? Und wenn ja, welche sind das?

Mir wird noch nicht klar, was Du unter Wertemodul verstehst. Werte sind in meiner Arbeit und bei meinen Coaching-Partnern ein wichtiges Thema. Dabei ist nicht wirklich klar, was unter Werte zu verstehen ist, wie sie entstehen und wie sich eine Organisation auf Werte einigen kann.
Zumindest ist dies ein langwieriger Prozess, der wohl nie beendet wird. Denn werden Werte nicht mehr überprüft, erstarren sie zu Glaubenssätzen und Dogmen.
In meiner Arbeit erfordert dies tiefes Zuhören und Schauen: Handelt es sich um Werte? Wie ergründet sie der Coaching-Partner? Oder liegt ein Glaubenssatz vor? Und wenn ja, welchen Stellenwert hat dies für den Coaching-Partner?
Den Medien entnehme ich zyklisch das Gejammer von der Verrohung der Sitten. Schaue ich auf die zurückliegenden 50 bis 100 Jahre, dann kann ich diese Verrohung nicht bestätigen. Es ging schon viel schlimmer zu. In den 80ern und den beginnenden 90ern wurden Flaggen verbrannt und das «Schweinesystem» bekämpft. Damals also Schweine, heute Verräter. Wie so oft kopiert das rechte Spektrum mit Verspätung das linke. Gibt es eine Liste verbürgter humanistischer Werte? Und wenn ja, wo finde ich die und werden die heute noch in den Schulen den Kindern und Jugendlichen nahegebracht?

Das sind viele Fragen, und sicherlich fehlt mir ohne Recherche etwa mit Blick auf einen Kanon humanistischer Werte das nötige historische und philosophische Wissen. Wenn ich Dich aber halbwegs richtig verstehe, kann ich festhalten, ja, Werte sind ein Thema, aber in Deiner Arbeit werden diese in dynamischen Entwicklungsprozes- sen – möglicherweise von Coaching-Partner zu Coaching-Partner verschieden – entsprechend der jeweiligen Situationen generiert. Andere Aspekte in Deiner Antwort sind natürlich nicht minder aufregend interessant. Beispielsweise die Frage nach dem Unterschied zwischen einem Wert und einem Dogma oder Glaubenssatz. Hier, möchte ich meinen, lässt sich ein Unterschied sehr schnell ausma- chen, der sich schlicht durch ein Machtgefälle veranschaulicht. Wäh- rend ein Wert vielleicht das Resultat eines Konsenses aufgrund von diskursiven Prozessen ist, kann das Dogma das eben niemals sein, denn dies ist ein unumstößlicher Lehrsatz, der gegeben wird. Von jemandem. Das mündet dann in Ideologie. Im Griechischen ist mit Dogma auch «Verordnung» oder «Beschluss» gemeint. In meiner Vorstellung ist davon ein Wert verschieden, denn er ist nicht das Resultat des beschließenden Prozesses derjenigen, welche die Macht und Möglichkeit haben, sie aufzustellen oder zu verabschieden, sondern vielmehr eine eher niemals abgeschlossene, waghalsige, auf Vertrauen der Individuen in andere und sich selbst und der Verhältnismäßigkeit in einer auf Gemeinschaft basierenden ephemeren Entscheidung mit Revisionsmöglichkeit. Das ist ganz etwas anderes, nicht wahr? Dabei stellst Du natürlich zurecht die Frage oder Möglichkeit in den Raum, dass Werte zu starren Glaubensvorschriften degenerieren. Vielleicht müssen wir da noch genauer hinschauen. Was ist ein Wert? Vieles finden wir beispielsweise im Grundgesetz. Als oberster Wert steht dort ja, dass jeder Mensch eine unveräußerbare Würde besitzt. Und dabei komme ich, parallel dazu habe ich das Grimmsche Wörterbuch aufgeschlagen, schon wieder in Teufels Küche. Dort ist Würde vielfach an gesellschaftliche Funktionen gebunden. Das Sprichwort, in Amt und Würden zu sein, tut dies kund. Oder interpretiere ich dies jetzt nur als einen Wert? Jetzt denke ich, auch mit Blick auf das Lemma Wert im Grimmschen Wörterbuch, dass ich wirklich einen Blick in Pandoras Box gewagt habe. Wert ist eine Größe im Blick auf das Verhältnis zwischen zwei Gegenständen. Etwas hebt sich von etwas Gleichartigem ab, indem es «wertiger» ist. Die Komponente des Vergleichs finde ich interessant. Mein Bild von einer Pusteblume ist mehr wert, als das meines Schulbanknachbarn. Das hat etwas mit Güte oder Qualität zu tun. Wert und Preis gehen dort Hand in Hand. Das aber ist eine andere Richtung als das, was dann zu einem Wert in dem Sinn wurde, den ich anfänglich abgefragt hatte. Wie gesagt: Spannend ist zu bemerken, dass es eine Vermischung aus einer Vor- stellung von Qualität gibt, die sich auch an Feigen oder Schrauben anlegen lässt, mit vielleicht so etwas wie dynamisch ausgehandelten Grundsätzen für ein Miteinander. Das ist jedoch nur eine Dimen- sion. Reden wir von Werten, geht es auch um Orientierung. Werte vermitteln Orientierungshilfen – für was? Für das eigene Handeln. Dabei steht nicht Wertanhäufung im Sinne von Reichtum als Ziel vor Augen. Vielmehr orientiere ich mich an Werten, um die Lebensgemeinschaft lebenswerter mitzugestalten.
Aber nun Fleisch an die Knochen. Ein lebenswertes Arbeitsumfeld ist sicher nicht diese Elektromüllkippe bei Accra in Ghana. Der südafrikanische Fotograf Pieter Hugo hat die hier arbeitenden Männer in erdrückenden Videoporträts, die ich neulich in einer Ausstellung gesehen habe, vorgestellt. Darauf möchte ich nicht näher eingehen. Sondern vielmehr darauf hinweisen, dass dort auch unser Elektronikschrott verbrannt wird, um die Metalle aus den Geräten zu herauszukochen. Natürlich trägt niemand dort Atemmasken. Dass diese Männer dann mit 30 Jahren erheblich gesundheitsgeschädigt sind, braucht nicht weiter zu verwundern. Wir lassen das zu. Wir übernehmen keine Verantwortung. Jetzt stelle ich mir ein Unternehmen vor, dass Verantwortung übernimmt und einen Mechanismus aufbaut, der dafür Sorge trägt, dass seine Produkte zu 100 Prozent hierzulande recycelt werden. Das könnte man als «nachhaltig» bezeichnen, oder? Somit ließe sich aus dem fiktiven Beispiel Nachhaltigkeit als Wert ableiten. Weil man damit ja einen Beitrag dazu leistet, dass der Anreiz zum Geräte verkochen verschwindet. Das ist etwas anderes als ein staatliches Regulativ, was dieses Handeln verordnet. Oder wenn sich ein Unternehmen zu Suchtprävention und -begleitung und entsprechender Nachsorge bekennt und demgemäß handelt, Menschen einstellt, die in diesem Gebiet Profis sind, dann stellt das als Fürsorge einen Wert dar, weil das Unternehmen respektiert, dass beispielsweise Alkoholismus eine Krankheit ist. Dabei muss ja nicht die Profitmaximierung qua Lebenserhaltung der Arbeitskraft das Handeln der Entscheider lenken. Es kann auch eine Wertevorstellung sein, etwa die soziale Verantwortung. Was denkst Du, ist das vielleicht ein Gedankenstrang, der etwas mit Deiner Vorstellung gemeinsam hat?

Werte

Du hast sehr wortreich all die Fragen und Probleme geschildert, die dem Wort Wert anhaften. Was ist ein Wort? Ich kann es nicht greifen, aber ich kann damit den Anderen verletzen, beleidigen und loben. Das Wort Wert verlangt nach Bewertung. An Bewertung haftet Wettbewerb und Konkurrenz. Und dazu gesellt sich die Hierarchie. Ist das hilfreich, wenn wir an Werte denken und uns Werte geben? Ich bearbeite diese Fragestellung mit meinen Coaching-Partnern unter dem Begriff der Qualität. Denn darum geht es: Qualitäten. Was nun sind Qualitäten und worin unterscheiden die sich von Werten? Qualitäten sind Liebe, Mitgefühl, Gelassenheit, Geduld, Güte, etc. Jeder Mensch hat diese Qualitäten. Es liegt also an ihm alleine, ob er sich seiner Qualitäten bewusst ist, ob er sie zum erblühen bringen will. Diese Qualitäten sind da und lassen sich nicht in eine Hierarchie abbilden. Denn, und darin liegt der Unterschied zu Werten, Qualitäten liegen alle auf einer Ebene, sind gleich wichtig, gleich gültig. Letztlich kann ich für mich erkennen, welche Qualitäten mir bewusst sind und wie ich sie in mein Leben und meine Handlungen integriert habe. Dieser Erkenntnis liegt keine Bewertung, wie gut oder schlecht oder wichtig oder unwichtig, zu Grunde. Es ist einfach eine Erkenntnis und die bringt mich dazu, meine Qualitäten Tag für Tag, Moment für Moment zu leben, zu pflegen, ihnen gewahr zu sein. Es wäre zutiefst albern, mit Qualitäten angeben zu wollen oder anderen vorzuhalten, sie haben ihre Qualitäten nicht so toll herausgearbeitet. Mit Werten wird dies gemacht. Coaches treiben ihre Kunden an, Werte zu formulieren, zu bewerten, einzustufen. Berater malträtieren Unternehmen damit, dass diese ihre Werte entwicklen sollen etc. Ein absurdes Spiel, dass da läuft.
Und gesellschaftlich werden wir aufgefordert, uns unserer abendländischen, christlichen, humanistischen Werte bewusst zu sein und ihnen gemäß zu handeln, vor allem gegen jene, die diese Werte nicht haben. Gesellschaftlich dienen Werte dazu, Menschen zu unterdrücken und zu gängeln.
Meinen Coaching-Partnern gebe ich als erstes zu verstehen, dass sie sind, wie sie sind, angefüllt mit Qualitäten. Es geht dann nicht mehr darum, irgendetwas sein zu wollen, sich zu optimieren oder ein Problem zu lösen. Ganz schnell sind wir auf der Ebene, die Qualitäten zu erkennen, zu benennen, ihrer gewahr zu werden und in ein ethisches Handeln zu kommen. Das braucht seine Zeit und tägliches Üben.

Ganz kurz nachgehakt, damit ich nicht in die falsche Richtung galoppiere. Du schreibst, dass das Wort Wert nach Bewertung verlangt. Meinst Du, dass es immer auch die «Bewertung» mittransportiert?

Ja. Werte sind ja eine Bewertung. Eine Theorie sagt, dass sich Werte aus Gewohnheiten bilden. Das also, wenn mir etwas immer und immer wieder gelingt, es zu einem Wert wird. Dann gibt es Werte, die an Tugenden erinnern, etc. Hilft das für Deinen Galopp?

Nun ziehe ich erst einmal die Zügel an. Das sollte Gelegenheit bieten, reflektiert über den Sachverhalt nachzudenken. Als historisch denkender Mensch blicke ich natürlich gleich zurück. Und ich stoße auf Tugenden. Das Unangenehme an denen ist die nicht zu ignorierende Tatsache, dass sie, so sinnvoll sie für das Zusammenleben vieler auch gewesen sein mögen, in der heutigen, säkularen Verfasstheit zumindest unserer Gesellschaft zwangsläufig in Verruf kommen müssen. Jetzt sagst Du, dass Werte an Tugenden jedoch nur erinnern und keine sind. Das Interessante an Deiner Kritik an Coaches, die Werte «verkaufen» erinnert mich daran, wie Nietzsche im 19. Jahrhundert die Tugenden «zertrümmerte». Vielleicht sind die Brösel der Tugenden von damals die Werte von heute? Erlebt haben wir den Rückzug nicht nur Gottes, sondern auch seiner obersten Tugend- wächter aus der gelebten Religion in den Gemeinden. Bei der Gelegenheit: Ich beschränke mich ausschließlich auf unsere Breitengrade und ihre Geschichte. Und ich erinnere mich noch an eine Situation aus meiner Konfirmandenzeit, als ich als kleiner Scheinheiliger durch den Sprengel zog, der trotz allem Ehrgeiz, gerecht zu leben, dennoch seine Freude an dem einen oder anderen Streich hatte. Es waren derer viele. Nun trat folgende Situation ein. Warten vor dem Konfirmandenunterricht auf unseren Pastor vor dem Gemeindehaus. Den genauen Hergang habe ich vergessen, aber Uwe K. wollte sich mit mir prügeln, und ich bot ihm inklusive der entsprechenden Worte aus der Bibel die andere Wange dar. Ich meine, er hat auch zugeschlagen. Das war gelebte Postmoderne. An den Jesus-Geschichten hielt ich mich schadlos und setzte sie zitierend ein. Was immer ich damit bezweckte, und vielleicht war es wirklich so, dass ich es ernst meinte. Das mag ich gar nicht in Abrede stellen. Imaginieren wir uns einen Menschen, erwachsen, heute in dieser Situation. Würden wir solch ein Verhalten als authentisch empfinden?
Zur Tugend gehört das Laster. Und wie Tausende von Bildern der Kunstgeschichte belegen, sind diese streng kodiert: vorzugsweise durch Dogmen der allgemeinen, sprich der katholischen Kirche. Dennoch reicht das systematische Kategorisieren geschichtlich noch weiter zurück, nämlich in die Antike. Gebräuchlich waren zunächst die vier Kardinaltugenden Tapferkeit, Gerechtigkeit, Klugheit und Mäßigung. Die Theologie fügte noch die Klassiker Glaube, Liebe, Hoffnung bei. Später traten beispielsweise noch die Güte, Keuschheit, Eintracht, Demut, Sanftmut, Gehorsam, Geduld, Beharrlichkeit und Frömmigkeit hinzu. Das ist natürlich ein herrliches Raster, wenn man dazu die Gegenteile paart. Wenn man dieses nutzte, ließe sich das eigene Verhalten sehr leicht in ein Diagramm überführen. Doch wird das für heute missglücken. Ohne detailliert darauf einzugehen: Mir erscheint es, als dürfe man nicht mehr von Tugenden reden. Es hat etwas Altbackenes, wenn nicht gar Lächerliches, etwas Konservatives, Engstirniges, Frömmelndes. Da wir jedoch bemerkt haben, dass es seit der Demokratisierung nach dem Faschismusalptraum und dem Zweiten Weltkrieg auch darum geht, moralisch vorbildlich zu sein, hat man sich vielleicht – ohne Verständigung – auf die «Werte» geeinigt, ohne zu bemerken, dass damit bewertet wird. Wobei natürlich gesagt werden muss, dass bestimmte Wertungen schlichtweg rational und lebenserhaltend sind. Es grenzt an einen Monty-Python-Witz, wenn ich mich hinstellte und behauptete, dass Mord und Totschlag lebensnotwendige Vorgehensweisen für den Erhalt unserer Art seien. Werte also als Tugenden light im rationalen Zeitalter?
Qualitäten dagegen orientieren sich an Eigenschaften. Oder sind sie es? Mir wäre es lieb, wenn wir da noch stärker differenzieren könnten. Jetzt gehe ich nicht auf die Wurzeln des Worts ein. Vielleicht ist dafür irgendwo in einer Marginalie Platz. Dennoch könnte ich mir vorstellen, dass es Sinn macht, Qualität in Kontrast zu den Werten noch stärker von ihnen zu differenzieren. Vielleicht nennst Du mir ein paar Qualitäten aus Deiner Praxis, die Dir bei Deinen Coaching-Partnern begegnet sind?

Um welche Qualitäten geht es Dir in Deinem Leben? Was ist das Allerwichtigste, der Sinn Deines Lebens? Darin liegt die Antwort auf Deine Frage! Wenn Du möchtest, gebe ich Dir Antworten von Coaching-Partnern, dass kann Deine Suche nach Antwort verkürzen. Ob das hilfreich ist? Geh auf eine intensive Suche. Wenn Du möchtest, kannst Du diese Übung durch die Frage vertiefen: Wie möchte ich leben, damit ich im Angesicht des Todes nichts zu bereuen habe?

In den vergangenen Tagen habe ich immer wieder einmal darüber nachgedacht, was mir wichtig ist, was mir Sinn gibt oder Sinn vermittelt. Ungern möchte ich vorschnell statistisch belegt bekommen, was ich mit meinen Mitmenschen an Vorstellungen über das Allerwichtigste teile. Daher versuche ich eine Antwort. Erst einmal finde ich es ganz amüsant, dass Du den Satz mit der Reue im Moment des letzten Bewusstseinshauchs ansprichst. Denn es ist interessanterweise, obschon ich nicht gläubig bin und Offenbarungsreligionen offen gestanden fürchterlich finde, dennoch so, dass ich erstens gern ein T-Shirt trage, auf dem in Versalien über die ganze Brust «Nichts bereuen» in zwei Zeilen steht. Meine Brust ist gerade noch breit genug. Zweitens, dass ich das T-Shirt nicht ohne Grund trage, weil ich mir schon in meiner Jugend diesen Wahlspruch gegeben habe. Der Stofffetzen ist eigentlich ein blödes Stück Werbung für einen längst vergessenen Film, aber das ist mir gleich. Im Gegenteil: Mir ist es ein diebisches Vergnügen, in mein hehres Bild von mir als Möglichkeits- menschen dieses konsumeristische Kleinod integriert zu haben. Das bewahrt mich davor, den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren. Nun denn, fange ich damit an, was ich bereuen würde: irgendwann in den Notstand zu kommen, jemandem ein unverzeihliches, unwiderrufliches, nicht mehr wiedergutzumachendes Unrecht oder Unheil zugefügt zu haben. Es gibt Taten, die mit keiner Reue gesühnt werden können. Dann hilft Dir nur die Gnade des Opfers. Aber selbst das stärkste, das aufrichtigste Verzeihen ließe das Bewusstsein über diese Tat nicht verschwinden, seine Stimme nicht verstummen. Ich gestehe, dass ich niemals in meinem Leben in eine solche Situation geraten möchte. Man leistet sich ohnehin schon eine Menge Unverzeihliches im Verlauf seines Lebens. Und weil das jetzt sehr düster war, wende ich mich dem Positiven zu. Was ist das Allerwichtigste? Wenn ich ehrlich bin, kann ich darauf nur kumulativ antworten. Familie. Wie könnte ich zwischen einzelnen Personen gewichten? Das geht nur als Kollektiv. Ja, meine Menschen in meiner Nähe und die Angehörigen sind mir extrem wichtig. Dazu zähle ich auch unsere Tiere. Und dann kommen bereits erste Konflikte bei diesem doch zugegebenermaßen sehr engen Fokus. Denn es gibt noch mehr, und auf oberster Ebene wünschte ich mir, meinen Beitrag sowohl für den Frieden als auch für den Schutz des Planeten nach bestem Maß zu leisten.

Wie wirkt sich Deine Erkenntnis auf Deinen Alltag aus? Wie manifestieren sich Deine Qualitäten in Wort und Tat? Sowohl im privaten wie auch in Deinen beruflichen Tätigkeiten?

Direkt und unmittelbar wirken sich diese Vorstellungen auf mein vollständiges Leben in der Gemeinschaft der Familie und der Gesellschaft aus. Fangen wir damit an, dass ich bestimmte Verhaltensweisen, die in der Gesellschaft durchaus als übliche Praxis gelten, nicht mitmache. Ist das Auto, von dem ich möglichst keinen Gebrauch mache, eingefroren, kratze ich die Scheiben ohne laufenden Motor. Und selbst wenn mein Hund sein Geschäft in der Quasi-Wildnis im Bayerwald verrichtet, habe ich die Tüten dabei und nehme es mit. Das sind meine zwei kleinen Beispiele. Jetzt lässt sich das auf ver- schiedene Lebensbereiche, auf die Ernährung, auf zwischenmensch- liche Kommunikation übertragen. Aber jedes Feld bringt natürlich gewisse Einschränkungen mit, die in meiner Persönlichkeit begründet sind. Was sind die Toleranzschwellen etwa? Nehmen wir das Beispiel mit den Tüten: Mein Gewissen oktroyiert mir in diesem Fall eben nicht, andere Hundemenschen, die fahrlässiger mit den Produkten ihrer Tiere umgehen, auf den Pfad der Tugend zu bringen. Es ist mir sehr fremd, mich fundamentalistisch zu verhalten und zu denken. Diese Phase humorlosen Absolutismus habe ich mit meiner Pubertät hinlänglich verabschiedet und die Erfahrungen daraus längst integriert. Was mich etwa auch dazu geführt hat, nicht allzu arg mit mir selbst ins Gericht zu gehen, wenn ich mich nicht so verhalte, wie meine Maximen es mir etwa verordnen könnten. Das beste Beispiel in meinem Fall ist das Motorradfahren. Es kommt nämlich vor, dass Fahrten nicht zweckgebunden zur Überbrückung von Distanzen unternommen werden. Ich mag dieses Erleben so gern, dass ich gelegentlich «einfach nur so» durch die Landschaften und Kurven hier im Bayerischen Wald fahre und im wahrsten Sinne des Wortes Geld und Zeit verbrenne. Meine Schwäche. Ich weiß um sie. Mit Blick aufs Berufliche ist einiges an, ich möchte es mit einem Augen- zwinkern so formulieren, Hinterhältigem im Spiel. Als Kulturkritiker und Hochschullehrer bin ich allein auf zwei, sagen wir, Oberflächen aktiv, auf denen Verantwortung eine meines Erachtens nach große Rolle spielt. Natürlich wünsche ich mir, dass man meine Haltung aus meinen Kunstkritiken lesen kann. Aber man darf das Offensichtliche nicht übertreiben. Geschmack? Geschenkt. Meine Mitarbeit an der Geschmacksbildung ist zweifelsohne deutlich, allein schon deshalb, weil ich gern eine feste Position definiere. Im Kontext von Kritiken gibt es jedoch Bereiche, die mit vielen Abwägungsprozessen verbunden sind. Das gilt nun nicht für irgendwelche mediokren Texte, die ohne Meinung nur beschreiben oder ohne zu beschreiben, einfach nur meinen. Als Kritiker berücksichtige ich jede Menge Faktoren, um mein zuvor an den Arbeiten, die ich in Ausstellungen sehe, gefundenes Urteil entsprechend dem Status begründe. Ein einfaches Beispiel: Sehe ich eine Ausstellung mit Arbeiten von Richard Prince im Guggenheim, sind die Worte deutlicher, weil dieser Künstler in der Champions League unterwegs ist. Welchen Sinn sollte es hingegen machen, in einem Bericht über den Rundgang einer Akademie dieselbe Sprache in Anschlag zu bringen? Dann käme ein falsches und übertriebenes Urteil einem Berufsverbot für junge Leute gleich, die noch keinen Schritt in den Markt gesetzt haben. Na ja, im günstigen Fall kann auch das Gegenteil eintreten. Oder die Lehre: Auch hier gibt es ein paar Maximen, die ich zu verfolgen versuche. Meine Erfahrung ist, dass viel zu viel Paranoia herrscht. Zwischen Studierenden und Lehrenden gibt es ein merkwürdiges Misstrauensverhältnis. Gründe lassen wir dafür beiseite. Sie anzuführen, wäre spekulativ. Meine Feststellung ist, dass fachdidaktisch neue Methoden so lange nichts bringen, wie diese Situation herrscht. Also versuche ich, eine Vertrauensatmosphäre zu erschaffen. Da sage ich mir stets, dass ich mich selbst und meinen Platz innerhalb des Getriebes vielleicht nicht ganz so ernst nehmen sollte und immer im Blick habe, dass es hier nicht um mich und den Hochschulbetrieb geht, sondern um die Zukunft meiner Studierenden. Vielleicht so viel. Ist das nachvollziehbar? Oder sollte ich konkreter werden und in Form allgemeiner Sätze diese Maximen formulieren? Allerdings neige ich dazu, meine Erfahrungen eben als Grundlage für mein daraus folgendes Handeln und Denken herzunehmen. Wozu natürlich auch die Erfahrungen der Anderen gehören, die mir zugetragen werden und von denen ich lese und über die ich reflektiere.

In den letzten Monaten ist viel von den Echokammern und Filterblasen zu lesen und zu hören. Wenn Du das von Dir geschilderte auf diese Erscheinungen hin prüfst: Wieviel Echokammer bzw. Filterblase wirkt bei Dir? Wir reden und bewerten und bilden Werte und sind oft noch nicht einmal im Stande, genau zu definieren, was Wahrnehmen bedeutet. Siehst Du ein Gemälde oder gleichst Du es mit den Dir bekannten Werturteilen ab? Ahh, ich bin im Louvre, jetzt ziehe ich die Championsliga-Bewertungskarte?
Ich meine, wir müssen wieder differenzierter darauf schauen, was Wahrnehmung ist und uns deutlich machen, wann das bewerten ein- setzt. Zu bewerten ist eine gute Sache, solange es bewusst geschieht. Alles andere ist Meinungsmache. Das bedeutet, jedes dienliche Objekt dazu zu nutzen, seine eigene Meinung kund zu tun. Sei es eine Veranstaltung, ein Gemälde, ein Personenkreis.
Alltagshandlungen überprüfen, das ist eine feine Sache. Geh in die Tiefe? Was passiert, wenn Du mit dem Hund unterwegs bist und er sich entleert? Beschreibe mal ganz genau, was da Deine Gedanken, Wahrnehmungen und die daraus folgenden Handlungen sind. Was ist Wert? Was ist Meinung?

Ok, das sind zwei wichtige Aspekte. Nein, keine Filterblase, keine Echokammer. Warum? Wichtig ist mir hier, zwischen Filterblase und Echokammer auf der einen und der Horizontalität des denkbaren Verstehens auf der anderen Seite zu unterscheiden. Die Möglichkeit, einen Sachverhalt zu verstehen, ist abhängig von meinen Fähigkeiten. Aber: Jeder Mensch unserer Gesellschaft sollte mit Blick auf die Schulbildung dazu in der Lage sein, eigene Horizonte, das heißt Begrenzungen, erweitern zu können. Das ist medial vollkommen unabhängig mit Blick auf die Wahl der Informationsmedien und basiert auf denkbarer wie wünschenswerter Medienkompetenz. Das Verstehen und Verschieben des Horizonts ereignet sich im Lesen, Reden, Sehen, also in der Vielfalt von Wahrnehmungen. Und es hat etwas mit der reflektierten Wahl und Auswahl zutun, der Abwägung und Entscheidung darüber, was wichtig, unwichtig, richtig und falsch ist. Mit dem Resultat, dass ich aus meinen und anderen Handlungen und Reflexionen lerne und mich dauernd verändere. Manchmal stärker, manchmal kaum bemerkbar. Filterblasen wiederum sind die totale Negation dieser ewig alten Kulturtechnik der Wissensbildung. Algorithmisch implantierte Verdummung, könnte man meinen, aber es ist noch viel mehr. Eine Filterblase ist der Ausdruck einer Diktatur scheinbaren Narzissmus, also eine doppelte Negation, die niemals – minus mal minus – zu einem Plus führt, es sei denn, man wird sich dessen bewusst und ermutigt sich, diese Struktur zu erkennen und zu überschreiten. Narzisstisch ist sie, weil nur scheinbare Ich-Bezogenheiten, Produkte, Meinungen, die heute ja gleichfalls den Charakter von Produkten aufweisen, per Computer in die Blase gespült und immer wieder litaneihaft offenbart werden. Das lässt sich experimentell schnell verifizieren. Kauf Dir ein Paar Wanderschuhe, bewerte sie auf einem Portal, und Du kannst sicher sein, dass in den nächsten Wochen ausschließlich Werbung für diese und ähnliche Dinge bei Dir in den Seiten Deiner scheinbar sozialen Medien erscheinen. Und das ist ja nur die Oberfläche. Was aber dann nicht mehr funktioniert, ist die Erkenntnis Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers, dass «man den Menschen schon kennen [muss], um die Rede zu verstehen, und doch soll man ihn erst aus der Rede verstehen». Kennen, erkennen, sich kennen, um andere zu kennen, die Rede kennen, um zu verstehen, verstehen, um zu erkennen. Heißt: Der klassische, so genannte hermeneutische Zirkel als Bedingung zur Möglichkeit von Verstehen überhaupt, ist in algorithmisch gesteuerten Umgebungen schlicht und ergreifend eliminiert, weil softwaregesteuerte Scheinbespiegelung eines sich so oder anders verhaltenden Klick-Dummies ein Selbst konstruiert, das naturgemäß mit der Reichweite eines Individuums geradezu gar nichts zu tun hat. Das hat zur Folge, dass der Gefangene der Blase weder staunt noch hinterfragt, wie diese Ergebnisse überhaupt an ihn herankommen. Und sie glättet zudem sämtliche Reibungsflächen, die zur Reflexion ermutigen oder nötigen. Weil der Mensch in der Filterblase meta-onanistisch immer nur mit seiner Selbstbefriedigung konfrontiert wird – nicht einmal mit den «Inhalten». Eigentlich ist das eine unmenschliche Ungeheuerlichkeit, die wir uns nicht gefallen lassen sollten. Der Mensch, der in der Filterblase steckt und nicht in der Lage ist, herauszukommen, wird nicht nur entmündigt, sondern auf entwürdigende Weise Objekt von Software und damit instrumentalisiert und in seinen Fähigkeiten beschnitten und degradiert und immer wieder mit Bildern seiner selbst bespeist, was nur ein Avatar, nicht aber er selbst ist. Ein digitales Guantanamo Bay oder Gulag, ganz wie man will. Und dieser Avatar ist zudem noch die ausschließlich aufgrund von materiellen Indizien gebaute Erscheinung des Computers. Was für ein Wahnsinn, wenn mir das nun hier deutlich in Sprache gerinnt, was ich eigentlich schon seit Jahren denke! Das ist sogar schlimmer noch als Platons Bild des Menschen im Höhlengefängnisgleichnis. Der sieht wenigstens noch den Abglanz der Vielfalt der Ideen als Schatten an der Wand mit dem Rücken zum Licht. Entschuldige bitte meinen Ausbruch hier, aber wenn wir übers Bewerten und Werten und über Werte oder Tugenden sprechen, dann sollten wir Filterblasen und Echokammern außen vorlassen. Es ist eine Grenze, ein Kerker und nicht, was menschlich wäre, ein Horizont wie Hans Georg Gadamer in seiner Husserl-Interpretation in Wahrheit und Methode (S. 232) so schön beschreibt: «Ein Horizont ist ja keine starre Grenze, sondern etwas, das mitwan- dert und zum weiteren Vordringen einlädt.»
Der zweite Aspekt: Beschreibe alles ganz genau, wie du wann etwas einschätzt. Oben kannst Du schon rekonstruieren, wie ich zu Urteilen komme. Im Laufe meines über 25 Jahre währenden öffentlichen Schreibens habe ich eine ganze Menge mitbekommen. Etwa, dass bestimmte Urteile nicht auf Gegenliebe der Akteure stoßen. Klar, die negativen. Aber dennoch müssen sie bisweilen sein. Was also pas- siert? Es laufen eine Reihe von Prozessen parallel, aber natürlich bin ich nicht gefeit vor unreflektierten (Vor-)Urteilen. Aber ich bemerke ja, wenn ich hitzig werde, etwa mit Blick auf die Autofahrerhirnis, die immer ihre Motoren laufen lassen müssen. Das ist sportlich und hält den Kreislauf in Schwung. Man muss ja nicht gleich den Vorschlaghammer nehmen, oder diese Fahrzeuge in Brand setzen. Das ist dann schon eine reflektierende Ebene. Die nächste heißt dann: «Reg‘ Dich nicht auf.» Und so geht das munter weiter. Wenn ich in einem Termin bin, schaffe ich es, mich vollkommen emotional zurückzunehmen. Meistens zumindest. Spüre ich ein Mehr, etwa wenn ich sehr berührt werde, dann habe ich einen Anhaltspunkt, weiter zu denken. Was bedeutet das jetzt? Woher kommt das? Was ist der Auslöser? Zur Korrektur schalte ich zurück und reflektiere, mit welchem Bein ich aufgestanden bin und wie die Zugfahrt war, wie das Personal mit mir kommuniziert hat usw. Diese Vorgänge laufen parallel zu den Wahrnehmungen ab und bewahren mich davor, bewusst durch die Umwelt oder meine je verschieden verfasste Emotionalität beeinflusst oder abgelenkt zu werden. Und das sind alles Kriterien neben den sichtbaren Eigenschaften, die ein Werk eben mit sich bringt. Neulich fragte mich ein Künstler mit Blick auf eine vierteilige, sehr aufwändige Druckgrafik, was ich dächte. Und ich befragte ihn nach dem Grund für die Vierteilung. Den nannte er mir: zu kleine Druckerpresse. Aber ist das hinreichend? Meines Erachtens nicht. Weil ich es sofort gesehen habe. Dabei ist C. begabt, und er versteht es, überzeugend zu arbeiten. Nur eben nicht in diesem Fall. Als ich ihn mit meinen – urteilenden und begründeten – Gedanken konfrontierte, konnte er es nachvollziehen. Weißt Du, das, genau das meine ich. Wenn etwas notwendig so ist wie es ist, und nichts genommen und nichts hinzugefügt werden kann, stellt sich die Frage nicht. Das gilt mit anderem Geschmack übrigens auch für Werke, die das Gegenteil von formaler Stringenz sind. Nur findest Du dort Notwendigkeiten etwa der Durchkreuzung überlieferter formaler Notwendigkeit. Marcel Duchamps Werk, ob in der frühen Malerei oder später in den Readymades, ist so ein Fall, und die Kunstgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts ist voll von diesen Auseinandersetzungen. Das reflektieren zu können, braucht Zeit und Erfahrung. Es ist eben anders als in den Naturwissenschaften oder in der Mathematik, in der es nur, abgesehen von nicht-beweisbaren Phänomenen, ausschließlich auf logische Stringenz und nachweisbare Wahrheitsmodi – womit ich die verschiedenen Operationen von «wahr» und «falsch» und ihren Zwischenbereichen meine – geht. Wie schon angedeutet, betrifft eine derartige Reflexionshaltung meine Arbeit. Jedoch nicht ausschließlich. Davon profitiere ich im Alltag gleichermaßen.

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Coaching
Notizen.Gespräche.Reflexionen
Ein Handbuch für Coaches und Führungskräfte
EAN: 9783744869089
ISBN: 3744869083
Paperback
Februar 2018 – 328 Seiten
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