
Im gegenwärtigen KI-Diskurs hat sich eine eigentümliche Figur eingenistet: die sogenannte „KI-Scham“. Entweder man schämt sich, das Zeug benutzt zu haben, oder man schämt sich, es noch nicht zu benutzen. Catch-22, Zwickmühle, psychologisches Dilemma. So wird es jedenfalls gerahmt – und genau da beginnt die Verschiebungsoperation, die bei genauerer Betrachtung ziemlich durchsichtig wird.
Die Quellen verraten den Diskurs. Wenn Microsoft und LinkedIn – also Unternehmen, deren Geschäftsmodell unmittelbar an maximale KI-Adoption gekoppelt ist – die Zahlen liefern, die dann als neutrale Diagnose zirkulieren, haben wir es mit klassischer Interessenskaschierung zu tun. Die Studien messen nicht etwa gesellschaftliche Realität, sie produzieren ein Narrativ: Wer zögert, hat ein psychologisches Problem. Die Lösung liegt dann natürlich in der Überwindung dieser irrationalen Hemmung, keinesfalls in der kritischen Prüfung dessen, was da eigentlich überwunden werden soll.
Die Scham ist keine Neurose, sie ist Realitätssinn. Wer befürchtet, durch KI-Einsatz als austauschbar zu gelten, liegt ja nicht falsch. Hier wurde präzise erkannt, was passiert: Wenn die Leistung auf ein Werkzeug übergeht, entwertet sich das Subjekt, das es bedient. Die Scham ist das affektive Korrelat einer realen Prekarisierung – sie zu „überwinden“ heißt, den Boten für die Nachricht zu erschießen.
Die Lösungen sind Adaptionsimperative. „Offenlegen“, „als Werkzeug begreifen“, „Experimentieren ermöglichen“ – die üblichen Ratschläge setzen das Unvermeidliche voraus und fragen lediglich, wie wir uns geschmeidiger einfügen können. Das ist keine Kritik der Verhältnisse, das ist Einübung in Gefügigkeit. Der beliebte Vergleich mit Schönheits-OPs entlarvt dabei mehr als beabsichtigt: Beide Märkte funktionieren über die Erzeugung von Mangelbewusstsein, das dann individuell abgearbeitet werden muss.
Die Unvermeidlichkeitsbehauptung trägt selbst ideologische Züge. Rainer Mühlhoff hat darauf hingewiesen, dass die KI-Geschichte keineswegs eine lineare Erfolgsgeschichte darstellt, sondern aus Zyklen von „KI-Sommern“ und „KI-Wintern“ besteht – Phasen euphorischer Überhöhung, gefolgt von Ernüchterung, Mittelkürzung, Stillstand. Wer garantiert eigentlich, dass der gegenwärtige Sommer nicht wieder in einen Winter mündet? Die Gewissheit, mit der „tektonische Verschiebungen“ beschworen werden, speist sich weniger aus technologischer Evidenz als aus Investitionsinteressen, die ihre Wetten abgesichert sehen wollen. Der Adaptionsdruck, der hier erzeugt wird, könnte sich im Rückblick als Gehorsamsübung gegenüber einer Blase erweisen.
Was fehlt. Nirgends die Frage, wem diese Verschiebungen eigentlich nützen. Nirgends die Überlegung, ob Arbeit, die von einer Maschine erledigt werden kann, vielleicht von Anfang an entfremdet war. Nirgends der Gedanke, dass kollektiver Widerstand eine rationale Reaktion auf kollektive Bedrohung wäre. Stattdessen: Angststarre pathologisieren, Anpassung normalisieren, weiter im Text.
Die eigentliche Zwickmühle ist eine andere: Ein Diskurs, der Emanzipation verspricht und Unterwerfung liefert.