Mann mit Laptop

Die Tretmühle hat ein Update bekommen

Warum KI meistern als Neujahrsvorsatz die Work-Life-Balance nicht retten wird.

Bringt KI meistern als Neujahrsvorsatz wirklich mehr Work-Life-Balance? Techgiganten empfehlen 2026 den täglichen Einsatz von KI-Tools für frühen Feierabend und mehr Energie. Doch E-Mail, Smartphones und agile Methoden versprachen dasselbe – und haben die Erschöpfung nicht reduziert, sondern verschoben.​​​​​​​​​​​​​​​​

 

Neulich las ich den Microsoft-Blog, und ich muss sagen, es war erhellend – allerdings nicht in dem Sinne, den die Verfasser sich erhofft haben dürften. Da steht nun also, schwarz auf weiß, die Empfehlung, man möge sich für das neue Jahr vornehmen, KI zu meistern. Als Neujahrsvorsatz. Wie Joggen. Wie weniger Zucker essen. Wie endlich das Fitnessstudio zu besuchen, dessen Mitgliedschaft man seit drei Jahren bezahlt.

Die Ironie scheint den Autoren entgangen zu sein.

Denn was ist das eigentlich, ein Neujahrsvorsatz? Es ist eine kulturelle Technik, sich einzugestehen, dass man nicht genügt, dass da ein Defizit klafft, das geschlossen werden muss – durch Disziplin, Gewohnheitsbildung, tägliche Übung. Microsofts Rat lautet im Kern: Du bist nicht genug, aber keine Sorge, wir verkaufen dir die Lösung.

Das Versprechen klingt verführerisch. Man werde früher Feierabend machen können, mehr Energie für die Familie haben, endlich jene Work-Life-Balance erreichen, die immer am Horizont schimmert wie eine Fata Morgana. Die Rechnung aber geht nicht auf, denn sie basiert auf einem fundamentalen Denkfehler: Wenn Effizienz das Problem lösen würde, wären wir längst erlöst. Wir haben E-Mail, Smartphone, Cloud-Computing, agile Methoden, Projektmanagement-Software und tausend andere Effizienz-Werkzeuge in unsere Leben integriert. Hat eines davon dazu geführt, dass wir früher nach Hause gehen? Hat auch nur eines die Erschöpfung reduziert?

Das Gegenteil ist passiert.

François Jullien hat einmal beschrieben, wie europäisches Denken zur Überanstrengung neigt, weil es Wirksamkeit mit Anstrengung verwechselt. Die Vorstellung, man müsse KI „meistern” – als gäbe es einen Berg zu erklimmen, eine Kompetenz zu erwerben, einen Vorsprung zu sichern – entstammt genau diesem Denken. Stay ahead of the curve, heißt es im Artikel. Future-proof your career. Die Sprache der permanenten Bedrohung, der unablässigen Selbstoptimierung, der niemals endenden Qualifikation.

Ich nenne das die Zermürbungsmaschine.

Sie funktioniert so: Man identifiziert ein Problem (Überlastung), bietet eine Lösung an (Effizienz-Tool), die das Problem nicht löst, sondern verschiebt, was wiederum neue Probleme erzeugt (noch mehr zu lernen, noch mehr zu optimieren, noch mehr Vorsätze zu fassen), für die dann neue Lösungen verkauft werden können. Ein geschlossener Kreislauf, in dem die Lösung Teil des Problems wird.

Besonders bemerkenswert finde ich den Abschnitt zur Inklusion. Da wird argumentiert, KI helfe Menschen mit Neurodiversität, Behinderungen oder Sprachbarrieren. Das klingt wunderbar. Nur: Dieselbe Logik, die KI als unverzichtbar rahmt, erzeugt erst den Druck, unter dem alle – ob neurotypisch oder nicht – leiden. Wer nicht mithält, fällt zurück. Wer nicht lernt, verliert. Wer nicht optimiert, wird optimiert. Die Inklusion, die hier angepriesen wird, ist eine Inklusion in ein System, das Menschen grundsätzlich als defizitär betrachtet.

Es gäbe eine andere Betrachtungsweise.

Im Dao De Jing findet sich ein Gedanke, der all dem widerspricht: Wer zu viel Wert auf Gewinn legt, erleidet mit Sicherheit großen Verlust. Was wäre, wenn wir aufhörten, uns als Projekte zu begreifen, die optimiert werden müssen? Was wäre, wenn Technologie uns nicht effizienter machen soll, sondern schlicht weniger tun lässt? Nicht weniger tun, um dann mehr zu tun, sondern wirklich weniger. Stillhalten. Atmen. Den Tag beenden, ohne die gesparte Stunde sofort wieder zu investieren.

Aber das lässt sich nicht verkaufen.
Deshalb wird es nicht empfohlen.

Der Microsoft-Artikel endet mit dem Satz: „Now, that’s a resolution worth keeping.” Ich würde anders formulieren: Vielleicht ist der beste Vorsatz für das neue Jahr, sich keine Vorsätze mehr aufzwingen zu lassen. Nicht von Microsoft, nicht von der Karriereangst, nicht von der Effizienzlogik. Vielleicht liegt die eigentliche Meisterschaft darin, die Frage „Wie kann KI mir dabei helfen?” durch eine andere zu ersetzen: „Muss ich das überhaupt tun?”

Aber das ist nur so ein Gedanke. Aus dem Garten, wo ich sitze, nicht weit vom Berg.


Quellenbezug: A New Habit for a New Era | Make “Mastering AI” Your New Year’s Resolution | Microsoft Community Hub