
Ein Tag. Sieben Stunden. Raum für das, was sich zeigen will.
„Entbergung“ stammt aus der Philosophie Martin Heideggers. Gemeint ist das Hervortreten dessen, was verborgen war – die griechische ἀλήθεια, Unverborgenheit. Wahrheit nicht als Besitz, sondern als Ereignis: etwas tritt ans Licht, zeigt sich, wird sichtbar.
Der Begriff steht im Gegensatz zur technischen Verfügbarmachung, die Heidegger „Gestell“ nennt. Entbergung meint ein Geschehenlassen, kein Erzwingen. Ein Raum, in dem sich etwas von selbst zeigt – wenn die Bedingungen stimmen.
Die meisten Formate für Führungskräfte folgen einer Optimierungslogik: Probleme identifizieren, Lösungen entwickeln, Maßnahmen ableiten, Ergebnisse messen. Das hat seinen Platz. Aber es gibt Fragen, die sich diesem Schema entziehen.
Was, wenn das Problem nicht das Problem ist? Was, wenn die Lösung Teil des Problems ist? Was, wenn die richtige, die öffnende Frage noch gar nicht gefunden wurde?
Der Entbergungsraum arbeitet mit der Annahme, dass Menschen in Entscheidungspositionen oft mehr wissen, als sie sich zugestehen. Dieses Wissen ist nicht verschüttet, es ist verborgen – hinter Betriebsamkeit, hinter Rollen, hinter dem, was man für machbar hält. Es braucht keine Grabung, sondern einen Raum, in dem es hervortreten kann.
Maieutik – die Hebammenkunst des Sokrates. Der Coach liefert keine Inhalte, sondern stellt Fragen. Präzise Fragen, die Selbstverständliches befragen. Offene Fragen, die nicht auf bestimmte Antworten zielen. Paradoxe Fragen, die gewohnte Denkbahnen unterbrechen.
Die maieutische Frage sucht nicht nach Information. Sie eröffnet einen Denkraum. Sie lädt ein, etwas zu sehen, das vorher nicht sichtbar war – nicht weil es neu ist, sondern weil der Blick verstellt war.
Keine Ratschläge, keine Empfehlungen, keine Bewertungen. Der Entbergungsraum liefert keine Antworten. Er lässt die richtigen Fragen entstehen.
Der Entbergungsraum wirkt nicht durch Intervention, sondern durch Präsenz und Struktur. Die Wirksamkeit entsteht aus:
Zeit ohne Takt. Sieben Stunden ohne Agenda. Kein Zeitdruck, keine Taktung, keine Deliverables. Die Struktur gibt Halt, aber sie treibt nicht an.
Kleine Gruppe. Wenige Menschen, die einander nicht kennen müssen. Genug Verschiedenheit für neue Perspektiven, genug Intimität für Offenheit.
Abwesenheit von Methode. Keine Übungen, keine Tools, keine Flipcharts. Was passiert, passiert im Gespräch, im Schweigen, im Gehen.
Haltung des Nicht-Wissens. Der Begleiter weiß nicht, was der Teilnehmende braucht. Er fragt. Er hört. Er wartet. Er vertraut darauf, dass sich zeigt, was sich zeigen will.
Menschen verlassen den Entbergungsraum selten mit Lösungen. Häufiger mit einer klareren Frage, einem verschobenen Blick, einer Ahnung dessen, was eigentlich ansteht.
9:00 – Ankommen. Stilles Ankommen. Tee, Kaffee. Kein Smalltalk-Zwang. Der Raum ist vorbereitet, die Stühle stehen bereit.
9:30 – Eröffnung. Kurze Einführung in den Tag. Keine Vorstellungsrunde im klassischen Sinn. Jeder sagt einen Satz zu dem, was ihn herführt.
10:00 – Erste Gesprächsrunde. Maieutisches Gespräch in der Gruppe. Der Begleiter stellt Fragen, die Gruppe denkt mit. Kein Zwang zur Beteiligung.
12:00 – Pause. Gemeinsames einfaches Mittagessen. Wer schweigen will, schweigt. Wer reden will, redet.
13:30 – Gehen. Gemeinsamer Gang nach draußen. Keine Gehmeditation, kein geführter Spaziergang. Einfach gehen. Allein oder zu zweit. Mit der Gruppe.
14:30 – Zweite Gesprächsrunde. Vertiefung, neue Fragen, das Aufgreifen dessen, was sich gezeigt hat.
15:30 – Abschluss. Jeder sagt einen Satz zu dem, was er mitnimmt. Oder schweigt.
16:00 – Ende.
Du bist richtig. Du bist nicht hier, um repariert zu werden. Du bist hier, um zu sehen, was du längst weißt.
Diese Haltung prägt den gesamten Tag. Keine Defizitdiagnose, keine Optimierungsagenda, kein Vorher-Nachher. Der Entbergungsraum geht davon aus, dass der Teilnehmende über die Ressourcen verfügt, die er braucht. Die Frage ist nur, ob er sie sieht.
Menschen in Entscheidungspositionen, die vor einer Entscheidung stehen, die sich nicht analytisch klären lässt. Menschen, die den Unterschied kennen zwischen Nachdenken und Denken. Menschen, die bereit sind, die Frage hinter dem Problem zu finden.
Das Tagesformat eignet sich zum Kennenlernen der Arbeitsweise. Wer einen Sonntag investieren kann, ohne vorher zu wissen, was dabei herauskommt, ist hier richtig.
Der Entbergungsraum eignet sich nicht für Menschen, die ein konkretes Problem lösen wollen. Dafür gibt es andere Formate.
29. März · Sonntag · 9–16 Uhr
6. Dezember · Sonntag · 9–16 Uhr
Kleine Gruppe (maximal 6 Personen). Persönliche Anmeldung erforderlich.
Limburg an der Lahn. Die genaue Adresse folgt nach Anmeldung.
180 Euro. Die Teilnehmenden sorgen gemeinsam für ein einfaches Mittagessen.
Sascha Büttner. Systemisch-daoistischer Coach, Taijiquan- und Qigong-Lehrer, seit fast 30 Jahren in der Begleitung von Menschen in Entscheidungspositionen.