Eine Kolumne über die neueste Innovation im Employer Branding
Ich hab ein Problem gelöst, von dem ich lange nicht wusste, dass es existiert: Was schenkt man Menschen, die remote arbeiten?
Mein Setup ist schlank. Alle im Homeoffice, Bring Your Own Device, kein Büro, kein Overhead. Aber irgendwann fragten die Leute nach Benefits. Schwierig. Was soll ich denen anbieten? Einen Zuschuss zum eigenen Schreibtischstuhl?
Die Lösung kam mir beim Abendessen mit meiner Mutter. Sie ist Anfang sechzig, hat Zeit, kann zuhören, weiß, wie man Behördenbriefe entschlüsselt und Vermieter besänftigt. Ich dachte: Das ist doch ein Asset. Ungenutztes Humankapital, quasi.
Ab Januar verstärkt sie mein Team. Backoffice, CRM, Organisation. Aber eigentlich ist ihre Funktion eine andere. Sie ist der Benefit.
Das Konzept geht so: Stell dir vor, du arbeitest bei mir. Eigener Laptop, eigenes WLAN, eigene Heizkosten. Und jetzt hast du Stress mit dem Vermieter. Einen Brief vom Amt, der Herzrasen macht. Hast keine Ahnung, wie viel Wandfarbe du für zwanzig Quadratmeter brauchst. Klar kannst du GPT fragen. Oder – und das ist jetzt dein Benefit dafür, dass du bei mir angestellt bist – du rufst meine Mutter an.
Ich hab den Post auf LinkedIn gestellt, Foto von uns beiden in herzlicher Umarmung, der Text mit zwei strategisch platzierten Smileys. Die rhetorische Figur: „Nicht jeder hat noch eine Mama.“ Ich schon, zum Glück, und jetzt teile ich sie mit meinem Team. Kostet mich einen Minijob, spart mir die Diskussion über fehlende Sozialleistungen.
Die Kommentarspalte explodierte. Herzchen, Feuerwerk-Emojis, „Was für eine tolle Idee!“, „Hiring?“. Als CTA hatte ich geschrieben: Helft mir, sie zu überzeugen, selbst auf LinkedIn zu posten. Wildfremde Menschen forderten daraufhin meine Mutter auf, doch auch selbst auf LinkedIn zu posten – eine Frau, die mit dieser Plattform erkennbar nichts zu tun haben wollte.
Sie hat dann doch gepostet. Dreitausend Likes.
Ich scrollte durch die Reaktionen und dachte: Das war ein guter Post. Hatte Reichweite.
So weit die Geschichte. Ich hab sie auf LinkedIn gefunden.
Jemand stellt die eigene Mutter an, rahmt das als Innovation im Employer Branding, und das Netzwerk applaudiert. Eine Firma ohne Büro, ohne Geräte, ohne Betriebskosten – die Angestellten bringen alles selbst mit. Der einzige Benefit: eine Frau Anfang sechzig, die Fragen zu Waschgängen beantwortet.
Ich saß vor dem Bildschirm und stellte mir ihren ersten Arbeitstag vor. Der Laptop klappt auf, Teams bimmelt, eine Nachricht: „Kurze Frage – mein Pullover ist eingelaufen, was mach ich jetzt?“ Dann klingelt das Telefon, ein Twentysomething am Apparat, verkracht mit dem besten Freund, braucht emotionale Erste Hilfe.
Für 520 Euro im Monat, schätze ich. Vielleicht 450.
Was mich umtreibt: die Rahmung. Die Geschäftsführung inszeniert die Anstellung als Demokratisierung von Fürsorge. Als Care-Flatrate für ein Team, das seine eigenen Arbeitsmittel stellt und dafür eine Ersatzmama bekommt. Die familiale Wärme, die der Post verströmt, hat einen Stundensatz. Die Umarmung auf dem Foto ist Dienstleistung.
Vielleicht bin ich zu zynisch. Vielleicht ist das wirklich eine rührende Geschichte über ein Kind, das der Mutter einen Job verschafft, und ein Team, das profitiert.
Aber dann sehe ich dieses Foto wieder vor mir, komponiert für maximale Reichweite, und denke: Nein. Das hier ist LinkedIn. Hier wird alles verwertbar.
Meine eigene Mutter starb vor einigen Jahren, mit einundsiebzig, früher als erwartet und doch nach einem Leben, das sie als erfüllt betrachtet hatte. Jahrgang 1937, aufgewachsen in den Trümmern, durchgekommen durch Jahrzehnte, die genug Zumutungen bereithielten. Sie hätte sich nicht an einen Laptop gesetzt, um fremden Twentysomethings zu erklären, wie man einen Pullover wäscht. Ich hätte es ihr nicht zugemutet.
Manchmal denke ich, das ist der eigentliche Unterschied. Jemanden haben, den man respektiert. Und jemanden haben, den man monetarisiert.
Kaum bin ich mit der Kolumne fertig, rauschen die nächsten Posts rein.
Eine verkündet, sie sei jetzt der weltweite Nummer-eins-Account zum Thema Mutterschaft. Feuer-Emoji. Weltkugel. Ausrufezeichen in Klammern. Betroffenheit als Rankingfaktor, Care-Arbeit als SEO-Strategie.
Eine andere teilt ihre Learnings aus zwei Wochen Krankenhaus nach der Entbindung. Die Station funktioniere wie ein Konzern: Silodenken, Schnittstellenprobleme, Wertschätzungsdefizite. Am Ende kam eine Ärztin mit Kopftuch in den Kreißsaal, und das DEI-Herz jubelte kurz.
Geburt als Organisationsdiagnose. Wochenbett als LinkedIn-Lernerfahrung. Diversity als ästhetisches Erlebnis zwischen den Presswehen.
Meine Mutter, Jahrgang 1937, hätte gefragt, was Silodenken mit Wehen zu tun hat.
Ich hätte keine Antwort gehabt.