Es gibt einen Satz, der alles verändert, wenn man ihn ernst nimmt: Du bist richtig.
Nicht: Du könntest richtig sein, wenn du dich nur genug anstrengst. Nicht: Du wärst richtig, hättest du nicht diese Schwächen, diese blinden Flecken, diese Defizite. Sondern schlicht: Du bist richtig. Jetzt. So wie du hier sitzt.
Das ist keine therapeutische Technik. Keine Eröffnungsfloskel, die Vertrauen aufbauen soll, bevor die eigentliche Arbeit beginnt. Es ist eine Grundannahme, die den gesamten Raum bestimmt, in dem zwei Menschen einander begegnen.
Die Coaching-Industrie lebt von einer anderen Prämisse. Sie setzt voraus, dass Menschen mangelhaft sind – und dass dieser Mangel behoben werden kann. Gegen Honorar, versteht sich. Das Geschäftsmodell ist elegant: Zunächst wird diagnostiziert. Man kategorisiert, bewertet, ordnet ein. Hat man erst einen Namen für das Problem gefunden – mangelnde Resilienz, fehlende emotionale Intelligenz, unzureichende Selbstführung –, lässt sich auch eine Kur verordnen. Workshops, Übungen, Methoden. Die Rosskur als Weg zur besseren Version seiner selbst.
Doch was geschieht eigentlich in diesem Moment der Diagnose? Der Mensch, der da sitzt, wird zum Fall. Seine Erfahrungen werden zu Symptomen. Seine Geschichte wird Material für eine Behandlung. Und unmerklich verschiebt sich die Beziehung: Hier der Experte, der weiß, was fehlt. Dort der Klient, der lernen muss, was er noch nicht kann.
Das ist mir zu plump.
Wenn jemand zu mir kommt, dann hat er einen Anlass. Vielleicht eine Frage, die ihn umtreibt. Vielleicht eine Situation, die ihn ratlos macht. Vielleicht ein Gefühl, dem er nachspüren möchte. Dieser Anlass ist keine Krankheit, die ich heilen müsste. Er ist ein Ausgangspunkt. Ein Ort, von dem aus wir gemeinsam aufbrechen können.
Also höre ich zu. Und dann lade ich ein, diesen Anlass zu umkreisen. Nicht frontal anzugehen, nicht zu sezieren, nicht in handliche Teile zu zerlegen. Sondern zu umkreisen. Von verschiedenen Seiten zu betrachten. Näher heranzutreten und wieder Abstand zu gewinnen. Zu fragen: Was genau ist hier eigentlich los? Was sehe ich, wenn ich aus dieser Perspektive schaue? Und was, wenn ich den Blickwinkel wechsle?
Fragen lösen so manches Problem. Nicht weil sie Antworten liefern, sondern weil sie Bewegung erzeugen. Wer fragt, denkt. Wer denkt, entdeckt. Wer entdeckt, sieht Möglichkeiten, die vorher unsichtbar waren.
Es gibt einen Begriff in der Transaktionsanalyse, der häufig missverstanden wird: das Opfer. Stephen Karpman beschrieb ein Dreieck aus Rollen – Opfer, Verfolger, Retter –, in dem Menschen sich verfangen können. Die Coaching-Szene hat dieses Modell dankbar aufgegriffen. Denn das Opfer ist ein idealer Kunde: Es fühlt sich hilflos, es sucht Rettung, es bindet sich lange.
Doch hier ist Präzision gefragt.
Menschen, denen Gewalt angetan wurde – häusliche Gewalt, Krieg, sexualisierte Übergriffe, systematisches Mobbing –, sind tatsächlich Opfer. Nicht weil sie eine Rolle spielen, sondern weil ihnen etwas angetan wurde. Von außen. Gegen ihren Willen. Diese Menschen haben Verletzungen erlitten, die professionelle therapeutische Begleitung erfordern. Sie gehören nicht ins Coaching. Sie benötigen einen anderen Rahmen, andere Kompetenzen, andere Formen der Unterstützung.
Die Rolle, die Karpman beschrieb, ist etwas anderes. Sie ist eine Position im sozialen Spiel. Ein Muster, das Erwachsene im Alltag, in Organisationen, in Beziehungen einnehmen können. Und diese Rolle ist keineswegs nur Schwäche. Sie ist wirkmächtig.
Wer die Opferrolle spielt, mobilisiert Unterstützung. Er delegiert Verantwortung. Er verschafft sich Zeit und Schonung. In manchen Situationen ist das eine kluge Strategie. In anderen nicht. Aber es ist nie einfach nur ein Defizit, das korrigiert werden müsste.
Das gilt für alle Rollen im Drama des Arbeitslebens. Der Schurke, der Retter, der Coach, der Herausforderer, der Gestalter – sie alle sind keine Charakterschwächen oder Entwicklungsstufen. Sie sind Instrumente. Tasten auf einer Klaviatur der Macht.
Denn der Arbeitsalltag ist ein permanentes Aushandeln. Auch in festgefügten Hierarchien, auch dort, wo Organigramme suggerieren, dass alles geregelt sei, wird täglich neu verhandelt: Wer hat Einfluss? Wessen Meinung zählt? Wer setzt sich durch, wer gibt nach, wer wartet ab? Macht ist nie einfach da. Sie wird hergestellt, bestätigt, bestritten – in jeder Besprechung, in jeder E-Mail, in jedem Flurgespräch. Wer das nicht sieht, wird davon überrascht. Wer es sieht, kann damit umgehen.
Die Frage ist also nicht: Wie werde ich diese Rolle los? Die Frage ist: In welcher Situation könnte welche Rolle dienlich sein? Was will ich erreichen? Und welche Position kann ich glaubwürdig einnehmen, um dorthin zu gelangen?
Das klingt nüchtern. Vielleicht sogar kalt. Aber es ist das Gegenteil von Zynismus. Es ist Respekt vor der Klugheit erwachsener Menschen. Sie wissen, was sie tun. Sie navigieren in komplexen sozialen Gefügen. Sie treffen Entscheidungen, die Gründe haben – auch wenn diese Gründe ihnen selbst nicht immer bewusst sind.
Coaching, wie ich es verstehe, tritt nicht für eine bessere Welt ein. Es verkündet keine Vision von New Work oder humanerer Führung. Es ist kein Programm zur Verbesserung der Arbeitswelt. Das wäre anmaßend. Es wäre auch eine Instrumentalisierung: Der Klient als Mittel zum Zweck einer Gesellschaftsreform, die der Coach sich ausgedacht hat.
Die Aufgabe ist bescheidener. Und vielleicht gerade deshalb anspruchsvoller.
Es geht darum, Handlungsoptionen sichtbar zu machen. Die Spielräume zu erweitern, die jemand wahrnimmt. Die Klaviatur zu zeigen, auf der gespielt werden kann – und dann dem Menschen zu überlassen, welche Töne er anschlägt.
Das setzt voraus, dass man an die Urteilskraft des anderen glaubt. An seine Fähigkeit, selbst zu entscheiden, was gut für ihn ist. An sein Recht, Entscheidungen zu treffen, die man selbst vielleicht anders treffen würde.
Es setzt voraus, dass man aufhört, Menschen retten zu wollen.
Wer mit dieser Haltung arbeitet, verweigert sich den Dramen. Er spielt nicht mit im Dreieck aus Opfer, Verfolger und Retter. Er lässt sich nicht verführen von der Grandiosität des Helfers, der weiß, was andere brauchen. Er bleibt daneben. Aufmerksam, interessiert, fragend – aber nicht verstrickt.
Das ist schwerer, als es klingt. Die Einladung zum Drama ist immer da. Die Erwartung, dass jemand kommt und sagt, was richtig ist. Die Hoffnung auf den Experten, der die Lösung kennt. Und ja, auch die eigene Sehnsucht, gebraucht zu werden, wichtig zu sein, einen Unterschied zu machen.
All das zur Seite zu legen. Nicht zu wissen. Nicht zu retten. Nicht zu heilen. Einfach nur da zu sein, zuzuhören, zu fragen – das erfordert eine eigene Art von Disziplin. Eine Disziplin der Zurückhaltung.
Am Ende bleibt der Satz, mit dem alles begann: Du bist richtig.
Er ist keine Beschwichtigung. Keine billige Affirmation. Er ist ein Einspruch gegen eine Industrie, die davon lebt, Menschen einzureden, sie seien nicht genug. Nicht resilient genug, nicht agil genug, nicht reflektiert genug. Nicht genug.
Wer richtig ist, der braucht keine Optimierung. Der braucht vielleicht Klarheit. Vielleicht neue Perspektiven. Vielleicht jemanden, der zuhört und kluge Fragen stellt. Aber er braucht niemanden, der ihn repariert.
Denn es gibt nichts zu reparieren.
Es gibt nur einen Menschen, der denkt. Der handelt. Der wählt. Der irrt und lernt und weitermacht.
Und manchmal, in guten Momenten, begleitet ihn dabei jemand.