Zwischen dem, was uns trifft, und dem, wie wir antworten, liegt ein Raum. Viktor Frankl fand ihn unter extremsten Bedingungen. Die moderne Psychologie hat ihn vergessen – sie bastelt an Reaktionen herum, statt das Reiz-Reaktions-Schema selbst in Frage zu stellen. Eine Miniatur über die Freiheit, diesen Zwischenraum zu bewohnen.
Viktor Frankl, der die Konzentrationslager überlebte, beschrieb einen Zwischenraum. Zwischen dem, was uns trifft, und dem, wie wir darauf antworten, liegt etwas. In diesem Etwas liegt unsere Freiheit.
Dieser Abstand ist nicht selbstverständlich. Er muss entdeckt werden. Geübt. Bewohnt.
Die Psychologie des zwanzigsten Jahrhunderts hat uns etwas anderes beigebracht. Reiz, Reaktion. Stimulus, Response. Ein Automatismus, der uns angeblich durchzieht wie ein Kabel. Die Verhaltenstherapie baut darauf auf. Das Stressmanagement. Die Resilienzprogramme. Sie alle nehmen das Schema als gegeben hin und basteln an der Reaktion herum. Atmen Sie dreimal tief durch. Zählen Sie bis zehn. Nutzen Sie Ihre Bewältigungsstrategien.
Aber was, wenn das Schema selbst das Problem ist?
Frankl fand diesen Raum unter Bedingungen, die jeden anderen Raum vernichteten. Im Lager, wo alles genommen war, blieb dieser eine Zwischenraum, diese letzte Freiheit. Selbst dort. Selbst dann. Das ist kein Bewältigungsmechanismus. Das ist etwas anderes.
Ich frage mich, ob wir diesen Raum heute nicht mit Ablenkung zuschütten. Jeder Reiz sofort beantwortet. Jede Nachricht sofort gelesen. Jede Emotion sofort gepostet. Die Maschine wird schneller, aber sie bleibt Maschine. Und die ganze Coaching-Industrie verdient daran, die Maschine zu ölen, statt sie in Frage zu stellen.
Aber der Mensch ist keine Maschine. Das Reiz-Reaktions-Schema ist ein Modell, und Modelle beschreiben nicht die Wirklichkeit. Sie vereinfachen sie. Manchmal so sehr, dass wir vergessen, was verloren geht.
Den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu betreten heißt: aufwachen. Und wer aufwacht, kann sich nicht mehr auf Schlafwandeln berufen.
Entdeckt: Ich muss erst wissen, dass er existiert.
Geübt: Ich muss immer wieder hineingehen, bis der Weg vertraut wird.
Bewohnt: Ich muss dort bleiben können, auch wenn es unbequem ist.
Wer diesen Raum bewohnt, wird langsamer. Nicht träge, sondern genau. Die Reaktionen werden weniger, aber sie werden echter. Die Worte weniger, aber sie wiegen mehr. Dort drin, in diesem Zwischenraum, bin ich nicht mehr Objekt meiner Umstände. Von dort aus gestalte ich meine Antwort.
Ein Klient saß vor mir, rot vor Zorn, und erzählte von seinem Chef, der ihn vor versammelter Mannschaft bloßgestellt hatte. Was soll ich tun, fragte er. Ich sagte: Bevor Sie irgendetwas tun – was war in Ihnen, in dem Moment, als es passierte? Bevor der Zorn kam?
Er schwieg lange.
Dann sagte er: Scham.
Da war der Raum.
Wenn Sie neugierig geworden sind: Ich bin erreichbar.