Zeitdruck und Pünktlichkeit

Im Namen des Fahrplans

Zur Pünktlichkeit als eingewöhnter Form der Zeitverwertung.

Pünktlich sein, die unscheinbarste der Tugenden. Und vielleicht gerade deshalb die Stelle, an der die Zeitökonomie am tiefsten in den Alltag reicht. Man erlebt sie als Rücksicht, als etwas, das man einander schuldet. Dass darin eine Ökonomie steckt, fällt nicht auf. Der schnellere Schritt zur Bahn, das flaue Gefühl im Magen, die Angst, sich zu verspäten — darin hat sich ein Regime der Zeit, die abstrakte Verwertung von Stunden und Minuten, in eine leibliche Haltung übersetzt. Man empfindet sie längst nicht mehr als auferlegt. Oder genauer: nicht mehr als fremd, sie ist ja die eigene. Wer den Tag bis zur Minute einteilt, tut das nicht auf Befehl. Er will es. Oder glaubt es zu wollen, der Unterschied ist kaum noch auszumachen.

Der verspätete Zug

Am verspäteten Zug zeigt sich, wie tief das Regime schon sitzt. Der Zorn, mit dem man reagiert, gehorcht ihm ja bereits. Man steht auf dem Bahnsteig, sieht auf die Anzeigetafel. Aus pünktlich wird +7, aus +7 wird +15. Und man flucht nicht gegen den Takt, man flucht in seinem Namen. Der Fluch verteidigt den Fahrplan. Pocht darauf, dass er eingehalten wird, und je enger der eigene Tag getaktet ist, desto vehementer. Die sieben Minuten sind nur deshalb eine Katastrophe, weil dahinter der Anschlusszug steht, hinter dem Anschlusszug der Termin, hinter dem Termin die Verabredung am Abend, die man jetzt verschieben muss. Diese Verletzlichkeit gegenüber sieben Minuten, sie ist selbst hergestellt (meistens jedenfalls), angelegt in einem Kalender, der keinen Puffer mehr lässt für eine Verspätung.

Und die Bahn, die eignet sich für diesen Zorn wie kaum etwas sonst, weil man auf sie zeigen kann (es ist ja immer die Bahn). Auf das Regime, das die Tage bis zur Minute füllt, kann niemand zeigen. Keine Adresse, kein Vorstand. Aber die Deutsche Bahn hat einen Fahrplan, eine App, eine Hotline, eine Anzeigetafel, an der sich die Schuld ablesen lässt. Ins Schimpfen entlädt sich eine Ohnmacht, die eigentlich der Struktur gilt, an einem Gegenstand, den man benennen kann, den man in Umfragen bewerten kann, der sie dadurch erträglich macht. Und darin ist man geborgen, in einer Klage, die allen gehört und darum niemandem, in der keiner die Schuld trägt, weil alle sie tragen. Das ist der Trost: Solange sie einem die Zeit gestohlen hat, muss man nicht fragen, warum einen sieben Minuten aus der Fassung bringen. Die Schuld liegt bei den anderen, nicht bei mir. Immer die Bahn, der Zug. Nachweislich, mit Verspätungsstatistik. Eine der letzten Stellen, an denen sie bei den anderen liegen darf. Überall sonst ist sie längst auf einen selbst zurückgefallen. Da erscheint die Erschöpfung als persönliches Versäumnis, als schlechtes Selbstmanagement, als hätte man nur besser planen müssen.

An dieser Stelle ziehe ich Rosa heran, quer zu seinem eigenen Wortlaut. Er beschreibt die Moderne als das Bestreben, die Reichweite zu vergrößern, die Welt verfügbar zu machen — und die verfügbar gemachte Welt begegne einem als Aggressionspunkt, als Serie von Objekten, die sich dem Zugriff widersetzen. Rosa spricht dabei von Reichweite, nicht von Zeit; die Übertragung auf den Fahrplan ist meine Verlängerung, nicht seine. Aber der verspätete Zug, das ist ein solcher Aggressionspunkt in Reinform: das Stück Welt, das sich der Planung entzieht und die ganze Konstruktion aus Anschlüssen und Terminen zum Einsturz bringt, die auf seiner Verfügbarkeit ruhte. Was Rosa hinzufügt, ist die Diagnose: Die Erschöpfung hängt nicht am einzelnen entgleisten Nachmittag, sondern am Weltverstummen dahinter. Eine bis zur Minute verfügbare Welt hat einem nichts mehr zu sagen. Aber die Uhr, den Takt, der den Tag in Minuten zerlegt — den benennt Rosa nicht. Er denkt in Reichweite und Welt, nicht in Uhrzeit.

Genau da setzt Odell an, bei der Uhr selbst. Die Uhr, nach der wir leben, sei für den Profit gebaut, nicht für die Menschen; und so werde noch die freie Zeit zu einer Reihe von Momenten, die sich kaufen, verkaufen, effizienter verarbeiten lassen. Der Fahrplan, die materialisierte Fassung dieser Uhr. An ihm bekommt die abstrakte Zeitverwertung eine Abfahrtszeit und einen Bahnsteig. Odells Schärfe liegt darin, dass sie den naheliegenden Ausweg verstellt: Die Antwort auf die getaktete Zeit sei nicht das individuelle Entschleunigen, nicht der weggeworfene Tagesplaner, denn das bleibe im selben Register der Selbstoptimierung, das den Druck erzeugt hat. Sie verschiebt die Frage ins Politische. Und damit widersteht der Bahnsteig-Zorn der einfachen Auflösung. Keine Charakterschwäche, die man sich abgewöhnt, indem man gelassener wird.

Die Zirkularität kann man beschreiben, auflösen nicht. Der Mensch auf dem Bahnsteig hat den Fahrplan verinnerlicht, bis er ihm als eigener Wunsch erscheint. Er schimpft auf die Bahn und meint den Takt, den er selbst verteidigt und unter dem er leidet. Ohne Ausgang. Und die Anzeigetafel springt von +15 auf +20.

Die Verabredung, das Spiel

Die Verabredung verschiebt die Pünktlichkeit dorthin, wo kein Fahrplan mehr haftet und keine App die Schuld übernimmt. Wer zu spät kommt, lässt jemanden warten. Und das Wartenmüssen, das ist eine Zumutung eigener Art: Die Zeit dessen, der wartet, wird stillgestellt, er verfügt nicht über sie. Er sitzt im Café. Die Tasse halb leer, längst kalt. Immer wieder das Telefon, kein Zeichen. Und die Minuten, sie vergehen nicht. Nein, sie vergehen schon, aber sie sind nicht weg, sie sammeln sich an, legen sich übereinander. Pünktlichkeit erscheint hier als Rücksicht, als das Gegenteil der Zumutung, und sie ist es ja auch. Aber dieselbe Rücksicht setzt voraus, dass die Zeit des anderen ebenso vermessen und verplant ist wie die eigene, dass ein Zuspätkommen auf Kosten des anderen geht, weil die Minuten, die man wartet, anderswo schon verplant waren. Die Höflichkeit trägt die Uhr in sich.

Und die Uhr greift über den Feierabend hinaus. Man verabredet sich, und das heißt: reservieren. Den Tisch bis acht, den Nachmittag, an dem man „bis vier Zeit hat“, das Fenster im Kalender, in das der Freund passen muss. Die freie Zeit wird selbst zum Termin, mit Anfang und Ende, und die Spontaneität, die sich darin entfalten soll, ist angesetzt, für später vereinbart.

Am deutlichsten wird das am Spiel. Das Spiel, hat Huizinga gezeigt, tritt aus dem gewöhnlichen Leben heraus und schafft sich einen eigenen Raum, mit eigener Zeit, mit Regeln, die nur innerhalb dieser Grenze gelten. Solange gespielt wird, gilt eine andere Zeitrechnung, eine, die nicht auf die Uhr sieht. Das Aufgehen in der Partie, das Vergessen der Stunde. Aber die herausgehobene Zeit wird von außen wieder eingeklammert. Die Runde beginnt um acht, weil einer um elf gehen muss. Das Spiel bekommt eine Frist, das Erlebnis einen Zeitstempel. Was sich der Uhr entziehen sollte, ist von vornherein terminiert. Und noch das Aufgehen im Spiel geschieht im Wissen: um elf ist Schluss.

Darin schließt sich der Kreis zum Bahnsteig. Das Spiel, der freie Nachmittag liegen innerhalb der getakteten Zeit, eingelassen als das, was sie unterbrechen soll — als Erholung, die man einplant, damit man danach wieder kann. Bei Odell wird auch die freie Zeit zu einer Reihe von Momenten, die sich verwalten und verbrauchen lassen. Das gemeinsame Erlebnis, das der Verwertung entzogen schien, wird zum Fenster, das sich lohnen soll. Wer den Abend genossen hat, hat ihn auch genutzt. Am Ende braucht die Verwertung keine Uhr mehr, die von außen mahnt. Es reicht die Frage, ob es sich gelohnt hat.

Bleibt die Beobachtung: Wir fluchen im Namen des Fahrplans über den Fahrplan. Und die Rücksicht, mit der wir niemanden warten lassen, gehorcht demselben Takt, an dem wir leiden. Man könnte den sieben Minuten auf dem Bahnsteig anders begegnen — als Lücke statt als Diebstahl, als Zeit, die niemand gestohlen hat, weil sie niemandem gehörte. Aber da meldet sich Odells Verdacht: Ein solches Anders-Begegnen wäre schon wieder eine Leistung, die man von sich verlangt, das Entschleunigen als nächste Aufgabe, die man richtig zu erledigen hat. Der Ausweg nach innen ändert die Struktur nicht. Und der nach außen, die politische Verschiebung, die ist von der einzelnen Person auf dem Bahnsteig nicht zu leisten. Was bleibt, ist die Beschreibung dieser Zange. Aufzulösen ist sie hier nicht.

Literaturhinweise

Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit. Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2018 (Reihe „Unruhe bewahren“). — Taschenbuchausgabe: Suhrkamp, Berlin 2020 (suhrkamp taschenbuch 5100).

Jenny Odell: Saving Time. Discovering a Life Beyond the Clock. Random House, New York 2023. — Deutsch: Zeit finden. Jenseits des durchgetakteten Lebens. Aus dem Englischen von Annabel Zettel. C. H. Beck, München 2023.

Johan Huizinga: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1956 (niederländisches Original 1938).