Naive Kunst / Art naïf, flache Perspektive, kräftige satte Farben, kindlich-verspielter Stil in der Art von Henri Rousseau: Ein Mann im Anzug betritt durch eine Tür ein kleines Zimmer und zieht einen riesigen, völlig überdimensionierten Schrankkoffer hinter sich her. Das ganze Zimmer ist voller übergroßer bunter Holz-Bauklötze, die sich stapeln und überall herumliegen. In der Mitte stehen sich zwei einfache Holzstühle gegenüber; auf einem sitzt eine kleine, zusammengesunkene, eingeschüchterte Person mit ängstlichem Gesicht. Auf einem winzigen Tischchen steht eine viel zu große Vase mit gigantischen Blumen. In einer Ecke steht ein Flipchart. Übertriebene Größenverhältnisse, warm, flächig, leicht surreal.

Einfach coachen

Je voller der Methodenkoffer, desto professioneller das Coaching — stimmt das?

Ein Essay über die unüberschaubare Masse an Tools, über den Wunsch, jeder Sekunde des Prozesses gewachsen zu sein, und über das, was dabei verlorengeht: das Vertrauen in die eigene Intuition.

Was Coaching heißt, das sieht so aus: Man rüstet sich. Der Beutel mit den Figuren, die Karten mit den Fragen, das Modell für den Anfang und das andere, falls das erste nicht greift. Die Ordner im Regal, das systemische Fragen und das lösungsorientierte und das mit den inneren Anteilen, und dann, gar nicht von hier, ACT, die Schematherapie, die Hypnotherapie, Therapien, aus denen man sich die Übungen herausbricht und den Grund zurücklässt, die Achtsamkeit, das Reframing, ein Zertifikat und das nächste, weil im nächsten stand, was im vorigen fehlte, und beim übernächsten wieder. Die Masse der Werkzeuge, unüberschaubar, und der Wunsch dahinter, jeder Sekunde des Prozesses gewachsen zu sein, keine soll einen unvorbereitet treffen. Professionalität, das heißt dann: viel im Koffer haben, auf jede Wendung ein Verfahren, und die Sicherheit kommt aus dem Repertoire, aus dem Methodenkoffer, der mit den Jahren wächst und schwerer wird, bis er ein Schrankkoffer ist, den man kaum mehr bewegt bekommt.

Und mitten darin, in der Begegnung selbst, regt sich eine Ahnung, wohin — kaum aber regt sie sich, wird sie überführt in ein Verfahren, das man beglaubigen kann. Kompetenz kippt in Methode, Methode verlangt nach Kompetenz, ein Rad, das nie stillsteht. Darin hat die Intuition keinen Platz. Unter allem, unter dem sich Rüsten und dem Rad, liegt eine Angst: die Angst vor der Leere. Dass ich dasäße, meinem Gegenüber zugewandt, und hätte nichts. Kein Verfahren, keine Frage, die schon bereitläge, nur mich. Auf mich selbst geworfen, in einem Raum, in dem nichts geschieht, das ich gemacht hätte. Der Koffer ist der Panzer gegen diese Blöße. Solange Methoden in Griffweite liegen, bin ich nicht allein mit dem Nichts, das mein Gegenüber mitbringt und das ich nicht füllen kann.

Ich verstehe unter Coaching etwas anderes. Ein Gespräch.

Nichts weiter, und doch hat es eine Gestalt, drei Bewegungen, so schlicht, dass ich zögere, sie eine Methode zu nennen: ankommen, arbeiten, ein Schritt am Ende. Der Bogen, den man in der ersten Woche jeder Ausbildung lernt und dann verschüttet unter den zweihundert Verfahren, die sich als das Eigentliche ausgeben.

Dieses Gespräch findet meist nicht einmal im Zimmer statt. Wir gehen. Durch den Park, an den Schrebergärten vorbei, an den Rand der Stadt, wo die Pappeln stehen und die Wege in die Felder laufen. Das Zimmer, die zwei Stühle, das Glas Wasser dazwischen — das ist die Ausnahme, für den Regen, für den, der nicht gehen kann. Sonst gehen wir.

Ankommen. Die Kundin kommt und ist noch nicht da. Noch in der Fahrt hierher, im Stau an der Auffahrt, in einem Satz, den heute Morgen jemand gesagt hat, in der Liste, die sie mitträgt. Wir setzen uns in Bewegung, und das Erste ist keine Frage aus dem Koffer, sondern dass ich sie ankommen lasse, Schritt für Schritt. Eine Stille am Anfang, die ich nicht fülle. Sie redet sich hin, redet das Draußen aus sich heraus, und irgendwann, ich höre es an einer kleinen Wendung im Ton, ist sie da, geht neben mir und ist angekommen. Das kann ein Viertel der Stunde dauern, und es ist nicht verloren, es ist der Anfang der Arbeit, es ist die Arbeit schon.

Arbeiten. Hier käme, nach allem, der Griff in den Koffer, das Durchgehen des Inventars im Kopf nach der geeigneten Methode: welches Verfahren, welche Aufstellung, welche Frageform. Aber im Gehen, wenn ich es lasse, bleibt dieser Reflex aus. Ich bleibe bei dem, was da ist. Sie wendet etwas, dreht es, sieht es von der anderen Seite, und ich gehe mit, im Wortsinn, frage nur, wo das Fragen aus dem Zuhören kommt und nicht aus dem Koffer. Das Gehen macht den leeren Raum, um den ich mich im Zimmer mühen müsste, von selbst: der Weg vor uns ist offen, keiner sitzt dem anderen gegenüber, die Blicke gehen nach vorn und ins Grün, ins Licht durch die Bäume. Es redet sich anders im Gehen, freier, der Körper ist beschäftigt und lässt den Kopf los. Das Gehen, das Gehen, ein Schritt und noch einer, das Neben-ihr-Hergehen, und alles wird weit. Und das ist die Arbeit: den leeren Raum offenhalten, vor dem ich mich fürchte. Stelle ich ein Verfahren hinein, ist er besetzt, und sie muss sich an mir vorbei zu sich selbst durcharbeiten.

Und etwas kommt hinzu, das im Zimmer fehlt: die Welt redet mit. Ein Wind, der auffrischt, ein Vogel, das Wechseln des Lichts hinter einer Wolke, der Geruch von nassem Laub, weit vorn ein Hund, das Läuten von irgendwoher — es antwortet etwas, das keiner von uns gemacht hat. Hartmut Rosa nennt das Resonanz, die Beziehung, in der die Welt uns anspricht und wir ihr antworten. Und das andere, das ich im Koffer suche, nennt er die Verfügbarkeit, das Machen- und Bereitstellenwollen. Resonanz aber lässt sich nicht bereitstellen, sie ist unverfügbar, aus keinem Koffer zu holen. Wir gehen weiter, sie redet, der Weg biegt ab, und ich halte ihn offen und sage nichts.

Und dann, bevor wir zurück am Tor sind, wo sich die Wege trennen, der Schritt. Klein, konkret, etwas, das in die Hand passt und in die Woche. Sie sagt ihn, ich nicht, sie findet das eine, das sie tun wird, den Anruf, den Satz, den sie sich zurechtlegt, das Weglassen von etwas. Wir haben die ganze Stunde Schritte gemacht, dieser ist nur der erste über sie hinaus. Und sie geht, und ich weiß nicht, was daraus wird. Was in der Zwischenzeit geschieht, gehört ihr. Das Nichtwissen, vor dem der Koffer schützen soll, hier trage ich es leicht.

Dieses Vorgehen lässt sich nicht in Methoden pressen. Es baut auf Intuition, Erfahrung, Resonanz und verlangt den ganzen Menschen, ohne Methoden-Bausatz zwischen mir und der Kundin. Es gibt keine Fortbildung im Ankommen, kein Aufbaumodul, kein Zertifikat, das mir bescheinigte, dass ich das Warten am Anfang beherrsche. Der Markt findet an ihm keine Lücke, die er mir als Werkzeug zurückverkaufen könnte. Ankommen, arbeiten, ein Schritt — so wenig, dass die Kompetenz daran nicht in Methode kippen kann, weil unter dem Gespräch kein weiteres Gespräch liegt, das ich noch lernen müsste. Es ruht auf dem einen, das der Koffer nicht fasst: dass ich der Intuition traue, die zwischen uns aufkommt, und sie nicht einhole, bevor sie da ist.

Wer das einmal ausprobieren mag, ein Gespräch im Gehen, ohne Methodenfeuerwerk dazwischen, ist herzlich eingeladen. Schreiben Sie mir, dann gehen wir.