Das Subtraktionsproblem

Das Subtraktionsproblem

Heinz Zemanek hat das 1961 gesagt, oder war es später, die Jahreszahl ist egal, die Beobachtung trifft heute mehr als er ahnte: Man hält vielfach die Erzeugung von Information für ein Zeichen der Intelligenz, während in Wirklichkeit das Gegenteil richtig ist. Die Reduktion. Die Auswahl. Die viel höhere Leistung.

Dieses Zitat kommt mir in den Sinn, wenn ich sehe, was die Maschinen heute leisten.

Ein großes Sprachmodell, aufgerufen mit einer Anforderung (Prompt), antwortet. Es antwortet ausführlich, es antwortet strukturiert, es antwortet mit Unterpunkten und Zusammenfassungen und Querverweisen und Abwägungen, es produziert, was es produzieren kann, das ist sein Wesen, es produziert, weil Produktion das Einzige ist, weil Produktion sein einziges Verhältnis zur Anforderung ist, diese Textmaschinen, die niemals schweigen, niemals innehalten, niemals sagen: das lasse ich jetzt weg, weil das Weggelassene die eigentliche Aussage trägt.

Jede Kommunikation ist eine dreifache Selektion — Information, Mitteilung, Verstehen — und jede davon könnte anders ausfallen. Was die Maschinen tun, ist die Umkehrung: alles mitteilen, was selektierbar wäre, die Selektion dem Empfänger überlassen, der nun leisten muss, was die Maschine verweigert hat.

Das ist kein Fehler. Es ist das Geschäftsmodell. Und es ruht auf einer älteren Verwechslung: Information ist Wissen. Viel Information ist viel Wissen. Beides ist falsch.

Wissensmanagementsysteme, ich habe in den letzten Jahren viele gesehen, in Organisationen, die stolz auf ihre Knowledge Graphs sind, auf ihre Intranet-Wikis, auf die 40.000 Einträge in der Wissensbasis, auf die 12.000 Dokumente im SharePoint, auf die Verschlagwortung, die Taxonomie, die KI-gestützte Suchfunktion, die nun alles findet, was niemand mehr lesen will, weil das Auffindbare sich vermehrt hat schneller als die Kapazität, es zu verarbeiten, überall dieses Additionsprinzip, dieser Glaube an das Wachstum des Wissens durch Wachstum der Information, dabei hat Laozi das schon gelöst: 为学日益,为道日损 — für das Lernen füge täglich hinzu, für den Weg subtrahiere täglich, subtrahiere und subtrahiere, bis du beim Nichthandeln angelangt bist.(Laozi, Daodejing, Kapitel 48.)

Dreißig Speichen treffen sich in einer Nabe, das Loch in der Mitte macht das Rad brauchbar.

Der Raum, der nicht bespielt wird.

Ich habe eine Sitzung erlebt (das war in einem Konzern, es ist gleichgültig welcher, es könnte jeder sein), in der ein Team von Menschen seine Wissensstrategie vorstellte, 42 Folien, ich habe mitgezählt, 42 Folien über den Umgang mit Wissen, über die Notwendigkeit, Erfahrungen zu dokumentieren, Prozesse abzubilden, Lessons Learned zu systematisieren, jede Folie ein neues Additionsversprechen, am Ende der Präsentation fragte ich, was sie weglassen, wer entscheidet, was nicht dokumentiert wird, welche Erfahrung keine Folie bekommt, welches Wissen absichtlich vergessen wird. Schweigen. Dann: Das hatten wir noch nicht im Scope.

Weglassen als Intelligenzleistung.

Die Maschinen können das nicht, weil sie nicht können, was Weglassen voraussetzt: eine Position einnehmen, eine Haltung. Ein Stehen in der Welt, von dem aus beurteilt werden kann, was wichtig ist und was nicht, was bleibt und was geht, was gesagt wird und was in der Stille verweilt, weil die Stille dem Ungesagten Raum lässt, den kein Text lässt. Zhuangzis Koch schneidet nicht durch den Knochen, er findet die Zwischenräume, die natürlichen Leerstellen im Ochsen, arbeitet in den Hohlräumen des Offensichtlichen, das Messer bleibt scharf weil es ihnen folgt.

Intelligenz als Messerschärfe durch Zurückhaltung.

Ein Freund, der in der KI-Forschung arbeitet, sagte neulich, das eigentliche Problem sei nicht die Halluzination, das Problem sei die Konfidenz, mit der die Maschine antwortet, die gleichförmige Gewissheit über Wichtiges und Unwichtiges, die Unfähigkeit zum Signal, das sagt: hier ist die Schwelle, hier beginnt das, worauf es ankommt, hier könntest du aufhören zu lesen weil das Folgende schwächer ist als das Vorherige. Kein Gefälle im Gewicht der Aussagen. Alles gleich hell beleuchtet, niemand wirft Schatten, weil Schatten Selektion wäre. Das Kriterium fehlt ihr, das Strukturmerkmal ist Gleichgültigkeit. Wissensmanagement ist alles, nur nicht das.