„Du bist richtig“ ist eine Coaching-Haltung, die den Menschen als vollständig betrachtet. Der Satz bedeutet, dass die eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen eine Ressource sind, kein Defizit. Er bedeutet nicht, dass Veränderung unnötig ist – er verschiebt den Ausgangspunkt: weg vom Mangel, hin zu dem, was bereits da ist.
Eine Führungskraft sitzt mir gegenüber und sagt: Ich weiß nicht mehr, wer ich sein soll. Die Liste wird länger. Empathisch. Agil. Resilient. Visionär. Nahbar. Durchsetzungsstark. Am besten alles gleichzeitig, am besten gestern.
Ich sage: Du bist richtig.
Stille. Dann Irritation. Manchmal Misstrauen. Gelegentlich ein vorsichtiges Lächeln, das nicht recht weiß, wohin mit sich. Der Satz klingt einfach. Er ist es nicht.
Es beginnt früh. Schon Kinder lernen, dass sie so, wie sie sind, nicht genügen. Zu laut, zu still, zu wild, zu schüchtern, zu langsam, zu schnell. Die Schule macht ein System daraus: Noten messen den Abstand zwischen dem, was ein Kind ist, und dem, was es sein soll. Was fehlt, wird rot angestrichen. Was da ist, wird selten erwähnt. Die Botschaft, die sich in Knochen und Gewohnheiten einschreibt, ist immer dieselbe: So nicht.
In der Ausbildung setzt sich fort, was in der Schule begonnen hat. An der Universität wird es akademisch veredelt: Kritisches Denken, das vor allem eines trainiert – den Blick für den Mangel. Im Beruf kommt die jährliche Leistungsbeurteilung, das Entwicklungsgespräch, das Feedback-Formular. Überall dieselbe Architektur: Hier stehst du. Dort solltest du stehen. Die Lücke dazwischen ist deine Arbeit.
Wer über Jahrzehnte lernt, dass das Eigene nicht ausreicht, entwickelt eine feine Sensorik für alles, was fehlt. Und verliert dabei den Zugang zu dem, was da ist. Es entsteht eine Kultur, die den Mangel zur Grundlage macht. Eine Kultur der Angst, in der jeder ahnt, dass er nicht genügt, und die meisten glauben, sie seien die einzigen, denen es so geht.
Du bist richtig widerspricht dieser Prägung. Der Satz behauptet, dass der Mensch, der da sitzt, bereits über die Fähigkeiten verfügt, die er braucht. Dass das, was ihn ausmacht – seine Wahrnehmung, seine Geschichte, seine Art, die Welt zu lesen – eine Ressource ist. Dass die Arbeit des Coachings darin besteht, sichtbar zu machen, was da ist.
Das klingt zunächst freundlich. Fast weich. Fast wie eine dieser pastellfarbenen Kacheln für Selbstliebe auf Instagram. Und genau hier beginnt das Missverständnis.
Du bist richtig ist kein Kompliment. Der Satz sagt nicht: Alles, was du tust, ist gut. Er sagt nicht: Bleib, wie du bist. Er sagt nicht: Du brauchst nichts zu verändern. Wer ihn so hört, verwechselt Haltung mit Haltlosigkeit.
Der Satz ist eine Standortbestimmung. Er markiert einen Ausgangspunkt. Wer auf einem Weg ist, braucht zuerst ein Wissen darüber, wo er steht – und ein Vertrauen darauf, dass dieser Ort ein gültiger Ort ist, von dem aus Bewegung möglich wird. Die Alternative kennt jeder, der einmal in einem Assessment-Center saß: Dein Ist weicht von deinem Soll ab. Arbeite daran. Der Mensch wird zum Projekt, das nie abgeschlossen ist, zum Haus, an dem immer renoviert wird, während er gleichzeitig darin wohnen muss.
Du bist richtig unterbricht dieses Muster. Wenn der Mensch richtig ist, dann liegt das, was ihn erschöpft, möglicherweise gar nicht in ihm. Dann richtet sich der Blick auf die Bedingungen: Auf die Strukturen, die unmögliche Anforderungen erzeugen. Auf die Organisation, die Widersprüche produziert und von Einzelnen erwartet, sie aufzulösen. Auf die Verhältnisse, die unter Druck setzen, und die man bisher denen angelastet hat, die den Druck spüren.
Das ist die Dimension des Satzes, die gern überhört wird. Du bist richtig verschiebt die Aufmerksamkeit von der Person auf den Kontext, in dem sie sich bewegt. Wenn eine Führungskraft unter der Last ihrer Rolle zusammenbricht, dann hat die Rolle ein Design, das Menschen überfordert. Der Mensch hat kein Defizit. Die Struktur hat eines.
Es gibt ein zweites Missverständnis, das seltener benannt wird. Wer Du bist richtig hört und annimmt, nimmt damit auch eine Verantwortung an. Denn wer richtig ist, kann sich nicht mehr hinter seinen Defiziten verstecken. Kann nicht mehr sagen: Wenn ich erst diese Fortbildung habe, wenn ich erst diese Kompetenz entwickelt habe, wenn ich erst so weit bin – dann handle ich. Wer richtig ist, ist jetzt handlungsfähig. Mit dem, was da ist.
Das macht den Satz unbequem. Er nimmt die Ausrede, noch nicht bereit zu sein. Er nimmt den Aufschub, der sich als Bescheidenheit verkleidet. Er nimmt die Flucht in das nächste Seminar, das einem endlich sagt, was man tun soll. Der Satz stellt den Menschen vor sich selbst und sagt: Du hast alles, was du brauchst. Was machst du damit?
Im Zwischenraum des Coachings – in jenem offenen Feld zwischen dem, was ist, und dem, was werden könnte – gibt es kein Richtig und kein Falsch. Es gibt Wahrnehmung, Ambiguität, Bewegung. Die Einladung besteht darin, diese Offenheit auszuhalten, mit ihr zu arbeiten und das eigene Richtig zu spüren. Das ist etwas anderes als Beliebigkeit. Es ist die Zumutung, sich selbst zu vertrauen, nachdem Jahrzehnte damit verbracht wurden, genau das zu verlernen.
In der daoistischen Tradition gibt es die Vorstellung, dass das Wasser seinen Weg findet, ohne einen Plan zu verfolgen. Es folgt der Schwerkraft, den Gegebenheiten des Geländes, der Form des Flussbetts. Es arbeitet mit den Bedingungen. Und es kommt an.
Du bist richtig vertraut darauf, dass Menschen dieses Wissen in sich tragen. Dass sie ihren Weg finden, wenn die Bedingungen es zulassen. Und dass die erste Bedingung darin besteht, aufzuhören, den eigenen Mangel zu verwalten.
Was geschieht, wenn ich mit mir arbeite, anstatt an mir?
Wenn du wissen willst, wie sich dieser Satz anfühlt, wenn ihn jemand ernst meint – schreib mir: sb@saschabuettner.com oder ruf mich an +49 15122653577