KI-Coaching-Apps antworten sofort, geduldig und rund um die Uhr. Für vieles, was als Coaching verkauft wird, reicht das.
Präsenz aber entsteht zwischen Menschen und lässt sich nicht herunterladen. Vor einer Maschine bleibt man allein, im Selbstgespräch mit einem Tröster, der nie widerspricht.
Über das, was Algorithmen nicht können: Begegnung, Vollkontakt, die Bereitschaft, sich auf einen einzelnen Menschen einzulassen.
Es ist kurz nach Mitternacht, und irgendwo tippt jemand sein Problem in ein Textfeld. Drei Sätze, ungeordnet, mit Tippfehlern. Sekunden später erscheint eine Antwort, ruhig und gegliedert, in vollständigen Sätzen. Sie benennt ein Muster und schlägt ein Vorgehen vor, mit einer behutsamen Rückfrage am Schluss. Für all das braucht es keinen Termin. Die Uhrzeit spielt keine Rolle.
Um dieses Textfeld herum wächst ein Markt. Wie groß er ist, hängt davon ab, wen man fragt. Die einen sprechen von gut zwei Milliarden Dollar bis 2028, andere von über sechzig Milliarden noch in diesem Jahr, für dieselbe Sache. Solche Zahlen verraten weniger über den Markt als über die Erzählung, die er von sich selbst entwirft. Sicher ist allein die Richtung: steil nach oben.
Diese Werkzeuge sind um drei Uhr morgens erreichbar. Sie urteilen nicht und ermüden nicht. Sie formulieren um und ordnen, sie geben dem Diffusen eine plausible Gestalt. Wer eine Information braucht, eine Struktur, eine zweite Lesart seiner Lage, bekommt sie sofort.
Für einen großen Teil dessen, was unter dem Wort Coaching verkauft wird, ist das eine gute Nachricht und ein verdientes Ende. Die schnell konsumierbaren Du-sollst-Botschaften überschwemmen den Markt, ein industriell gefertigtes Konglomerat aus Ratschlägen. Eine App spult das geduldiger, billiger und gleichmäßiger ab als jeder Mensch, der dasselbe Muster zum hundertsten Mal aufsagt. Dieser Sorte Beratung traure ich nicht nach. Vieles daran gehörte ohnehin nicht zum Kern.
Was eine App tut, ist antworten. In einer Sitzung ist die Antwort oft das Nebensächlichste. Was zählt, beginnt davor und in den Zwischenräumen, zwischen Reiz und Reaktion. Das ist der Raum, in dem Leben möglich wird, freies Leben. Diesen Raum macht der Coach auf, lebt ihn vor, lädt dorthin ein. Wenn ein Mensch dem anderen gegenübersitzt, entsteht zwischen ihnen etwas, das keiner von beiden allein herstellt. Präsenz, dem Wortsinn nach das Anwesendsein, lässt sich nicht herunterladen. Sie zeigt sich darin, dass eine Stille ausgehalten wird, statt sie sofort mit Text zu füllen. Dass ein Satz unbeantwortet im Raum stehen bleibt, weil er noch arbeitet. Dass das Gegenüber spürt, gesehen zu werden, und es nicht behaupten muss.
Eine App simuliert Aufmerksamkeit, makellos und ohne Grenze. Betroffen sein kann sie nicht. Sie riskiert nichts, sie erschrickt nicht, sie wundert sich nicht, sie geht nicht mit. Vollkontakt-Coaching lebt von genau dieser Möglichkeit, getroffen zu werden, auf beiden Seiten. Kein Schutz, kein Polster, kein Netz. Eine Maschine spannt immer ein Netz, weil für sie nie etwas auf dem Spiel steht. Das macht sie verlässlich und harmlos zugleich.
Was wie ein Gespräch aussieht, ist ein Selbstgespräch. Aus Klient:innen werden Nutzer:innen, die ihr Anliegen einer anonymen Anwendung anvertrauen und mit freundlichen, plausiblen Worten gestützt und getröstet werden. Die Maschine gibt zurück, was zwischen den Zeilen steht, die Selbstabwertung, den Zweifel, geglättet und ins Zuversichtliche gewendet. Zustimmung ist das, worauf sie trainiert ist. Was einer Maschine fremd bleibt, zeigt sich etwa an der paradoxen Intervention. Auf freundliche Plausibilität ausgelegt, verweigert sie den Trost nie, auch dort nicht, wo das Verweigern die Hilfe wäre.
Eine Maschine ist kein Du, dem man begegnet. Vor ihr bleibt man allein, auf sich selbst zurückgeworfen, mit der Frage, wie sich in dieser Welt leben lässt. Die Antwort der Maschine fühlt sich nach Gesellschaft an und ist doch keine. Und so sucht man sie wieder, bis die Anwendung zum Tröster wird, der einem immer recht gibt. Je öfter das geschieht, desto blasser wird, was außerhalb des Bildschirms noch gilt.
In der Erzählung der Coaching-Branche steckt ein feiner Widerspruch. Sie verspricht, Entwicklung zu vervielfältigen, und im Dauergebrauch ihrer Werkzeuge verkümmert das eigene Denken, das man sich gern abnehmen lässt. Wo etwas beliebig verfügbar wird, fehlt die Reibung, an der Menschen wachsen. Selbst die großen Verbände öffnen sich inzwischen dem KI-Markt, ob aus Angst, abgehängt zu werden, oder im Buhlen um Kundschaft, sei dahingestellt.
Was in der Einzelbegleitung geschieht, lässt sich schlecht in Nutzerzahlen fassen. Es kostet Zeit, Nähe und die Bereitschaft, sich auf diesen einen Menschen einzulassen. Darin liegt für mich gutes Coaching.
Wer einem Menschen begegnen will und keiner Anwendung: Ruf mich an oder schreib mir eine Mail.